Kultur : Glanz aus alten Zeiten

Gilt in Berlin nur der Blick zurück? Fünf Bücher zu prominenten Bauten der Stadt

Bernhard Schulz

Tor auf, Tor zu, Tor restauriert: Wenige Bauwerke haben die Öffentlichkeit in dem zu Ende gehenden Jahr derart beschäftigt wie das Brandenburger Tor. Mit der „Enthüllung“ im Herbst könnte jetzt eine Zeit der Besinnung auf das historische Erbe anbrechen: Was bedeutet dieses Tor, städtebaulich, historisch, ästhetisch? Dieser Tage wurde das Buch „Das Brandenburger Tor. Weg in die Geschichte, Tor in die Zukunft“ vorgestellt (Jovis Verlag, Berlin, 208 Seiten, 29,80 €), das die Stiftung Denkmalschutz Berlin als Träger der Sanierung herausgegeben hat. Eine Phalanx renommierter Autoren wurde aufgeboten, darunter Lothar de Maizière und Helmut Engel, und am Schluss des mit seltenen historischen Aufnahmen illustrierten Bandes erklärt Kultursenator Thomas Flierl seine Abneigung gegen Werbung in der Mitte der Stadt. Für weiteren Diskussionsstoff ist also gesorgt.

Phantomdiskussion Schloss

Überhaupt standen 2002 eher die historischen Bauwerke im Mittelpunkt des Interesses. Lange Jahre war die Berufung auf das bauliche Erbe eher theoretischer Natur; beim Schloss ist es immer noch eine Phantomdiskussion, die geführt wird. An anderen, rhetorisch weniger umkämpften Orten hingegen tritt wiederhergestellte Substanz vor Augen, die das Verhältnis der Stadt zu ihrer Geschichte merklich verändert.

An erster Stelle ist hier die Alte Nationalgalerie zu nennen, deren glanzvolle Wiedereröffnung vor einem Jahr den Auftakt zur „Wiederaneignung“ der Museumsinsel bilden sollte, ehe die Finanznot des Staates den Zeitplan der Baumaßnahmen erneut in Frage stellten. Die von HG Merz glanzvoll aufpolierte Nationalgalerie allerdings setzt einen Maßstab, der bei allen Sparzwängen künftig nicht mehr unterboten werden darf.

Wie schön die Alte Nationalgalerie geworden ist, zeigen die hinreißenden Farbaufnahmen Christian Gahls in einem neuen, kenntnisreich von Klaus Jan Philipp eingeleiteten Band (Stüler/Strack/Merz: Alte Nationalgalerie Berlin. Edition Axel Menges, Opus 45, Stuttgart. 72 Seiten, 36 €). Sie zeigen Außen und Innen des Gebäudes in idealen Ansichten. Deutlich wird nicht zuletzt die außerordentliche Sorgfalt, die der Stuttgarter Architekt HGMerz der überkommenen Substanz ebenso hat angedeihen lassen wie der von ihm behutsam eingefügten dritten Ausstellungsebene.

Nun hat es das Stammhaus der Nationalgalerie in einer Hinsicht leicht gehabt: Der Bau ist historisch auch nicht belastet. Die Diskussionen über die Umnutzung historischer Substanz für die Zwecke der Bundeshauptstadt zählen zu den fruchtbarsten, die Berlin im zurückliegenden Jahrzehnt erlebt hat. Bedeutung und Aussagekraft der ererbten Bauwerke sind deutlich geworden; einher ging damit naturgemäß die Historisierung der Vergangenheit, neben der sich eine neue Nutzung selbstbewusst behaupten kann.

Auch der Bundesrat votierte seinerzeit für den Umzug in ein altes Gebäude und erkor sich das ehemalige Preußische Herrenhaus. Renovierung und Umbau durch das Hamburger Büro von Peter Schweger führten zu einer Balance von Alt und Neu, zu einer erkennbar neuen Nutzung in einem sehr nobel wiederhergestellten alten Gewand. Mittlerweile hat der Bundesrat sein neues Domizil auch publizistisch gewürdigt (Der Bundesrat im ehemaligen Preußischen Herrenhaus. Gebr. Mann Verlag, Berlin. 224 Seiten, 49,80 €).

Das Buch hebt mit der Geschichte des Hauses auch ein gutes Stück preußischer Staats- und Verfassungsgeschichte ans Licht – Pflichtlektüre nicht allein für diejenigen, die jetzt in diesem, stilistisch etwas trocken geratenen Bau der wilhelminischen Glanzzeit arbeiten. Ganz und gar die Last der Geschichte trägt allerdings der Nachbarbau, das jetzige Haus des Bundesfinanzministeriums, zuvor unter anderem Treuhand, Haus der Ministerien der DDR und NS-Reichsluftfahrtministerium. In keinem zweiten Gebäude Berlins ist die deutsche Geschichte der vergangenen siebzig Jahre derart gebündelt wie in diesem dröhnend pseudoklassizistischen Prestigebau des NS-Regimes. Die Neuerscheinung über das Haus (Laurenz Demps, Eberhard Schultz, Klaus Wettig: Das Bundesfinanzministerium. Parthas Verlag, Berlin. 132 Seiten, 40 €) stellt die bange Frage „Ein belasteter Ort?“, beantwortet sie aber mit einer Fülle an Details, die dessen Charakter als lieu de mémoire nur unterstreichen.

Die zeitgenössische Architektur, so ein oft gehörtes Lamento, komme gegenüber der Altsubstanz zu kurz. Für den Bundestag trifft das gewiss nicht zu: Er ließ sich seinen Büroflächenbedarf ganz überwiegend in Neubauten erfüllen.

Aus neun Einzelbauten zusammengesetzt, aber doch ein gemeinsam geplantes Ganzes bildend, stellt das Jakob-Kaiser–Haus zu beiden Seiten der Dorotheenstraße das größte Vorhaben des Parlaments dar (Ein Haus aus neun Häusern. Das Jakob-Kaiser-Haus im Berliner Parlamentsviertel. Media Consulta, Berlin. 184 Seiten, 69 €).

Hallen und Flure

Außen und Innen der beiden Gebäuderiegel bilden allerdings kein kohärentes Ganzes; die simulierte Parzellenstruktur in der Fassadenansicht (und der Autorschaft ihrer Architekten) tritt im Inneren gegenüber der funktional geforderten Verbindung durch Hallen und Flure zurück. Brillant gelungen ist die Renovierung des Reichspräsidentenpalais durch den Kölner Thomas van den Valentyn. Sie leistet, was als Motto über der baulichen Hauptstadtwerdung insgesamt stehen könnte: Neues schaffen, ohne das Überkommene zu negieren. In diesem – aus allmählich gewachsenem Geschichtsbewusstsein gespeisten – Kompromiss dürfen sich Berlin, aber auch die größer und älter gewordene Bundesrepublik wiedererkennen.

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