Kultur : Glanz der Vampire

Berlin hat zahlreiche Liebhaber. Vor lauter Enttäuschung schimpfen jetzt viele auf die Stadt. Na und?

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Von Harald Martenstein

Nichts ist passiert. Zumindest nicht viel. Berlin ist auch nach dem Regierungsumzug geblieben, wie es war – ziemlich groß, ziemlich unübersichtlich, ein bisschen korrupt, ein bisschen chaotisch, arm und hart, prollig, großmäulig, witzig und unsicher, schön und hässlich zugleich. Schon eindrucksvoll, diese Stadt, aber selber verdammt schwer zu beeindrucken. Ein bisschen depressiv ist sie auch, und sprunghaft, wie alle Depressiven. Eine Stadt, die mit den Achseln zuckt, wenn sie einen Neuling sieht, die ihn dann aber plötzlich an sich zieht, als hätte sie ausgerechnet auf ihn gewartet, um ihn im nächsten Moment wieder gleichgültig von sich zu stoßen.

In diesem Sommer wird viel auf Berlin geschimpft. Vor ein paar Jahren war Berlin-Euphorie angesagt, jetzt spielen sie den Blues. Die Berliner Republik – ein dummes Wort, sagen manche Kommentatoren, eine Chimäre. Die Stadt ist doch eigentlich trist, sagen andere. Der Regierungsumzug nach Berlin hat auch Deutschland nicht wirklich verändert, womöglich war das von beiden, dem Land und der Stadt, zu viel verlangt. Und ist die Stadt etwa kein Armenhaus, und dann auch noch eines mit PDS-Regierung?

In einem Artikel der „FAZ“ – Tenor: „Potemkinsche Hauptstadt ohne Substanz, zur Metropole hat es nicht gereicht“ – wird als Symptom für die Krise der Stadt unter anderem das Ende der Kneipe „Obst und Gemüse“ in der Oranienburger Straße genannt. Das war ein irgendwie mythischer Ort, wo zornige junge Männer in schwarzen Lederjacken Caipirinhas tranken. Wenn man schon eine Weile in Berlin lebt, fallen einem dazu sofort die „Ruine“, der „Dschungel“ oder der "Tresor" ein. Das waren auch solche mythischen Orte, an denen jeweils eine bestimmte Generation ihre Rituale, ihre Träume und ihre Desillusionierungen fand. Berlin bringt immer wieder solche Orte hervor, es ist normal, dass sie nach einer Weile zumachen. Sie leben dann als Chiffre weiter. Diese Kneipen sterben, bevor sie alt werden, das ist das Schöne an ihnen. Die Gäste leben weiter und kriegen graue Haare.

Der Blues ist ein Lied, das meistens aus enttäuschter, unerwiderter Liebe gesungen wird. Auch der Berlin-Blues handelt von gekränkter Eitelkeit. Denn die politische Führungsschicht, zu der auch die Regierungsjournalisten gehören, die Manager, die Kulturpäpste und -päpstinnen, die Meisterdenker – sobald sie ihre speziellen Kneipen und ihre speziellen Straßen verlassen, gehen sie in dieser Stadt einfach unter. Berlin kümmert sich nicht groß um sie, Berlin ist nicht stolz, Berlin schmeichelt nicht. Ob die wichtigen Menschen bleiben oder weggehen, scheint Berlin gleichgültig zu sein. Berlin ist depressiv und größenwahnsinnig zugleich.

Der Regierungsumzug hat die Stadt natürlich verändert. Sie hat jetzt ein neues Zentrum, eine bessere Gastronomie, bessere Zeitungen, eine Society mit Society-Partys und tausend neue wichtige Adressen. Berlin ist allerdings viel zu groß, um von einer Bagatelle wie einem Regierungsumzug von Grund auf verändert zu werden. Berlin bleibt unterhalb einer dünnen Kruste erst einmal arm, proletarisch, rebellisch, teilweise links, teilweise kleinbürgerlich-konservativ, es bleibt eine Stadt mit erfreulich vielen Nischen, in denen Unkraut wächst und in die man sich verkriechen kann, wenn man von Normaldeutschland genug hat. Aber wie hat der Umzug die Mächtigen verändert? Wahrscheinlich lehrt er sie Demut. Das große, kalte Berlin macht einen automatisch demütig. Das ist eine sehr gute Lektion für alle Mächtigen. Dass sie darüber schimpfen, ist normal.

Einige Zeitungen – die „FAZ“, die „Süddeutsche“ – haben in letzter Zeit ihre Berlin-Seiten eingestellt. Das hatte weniger mit dem Berlin-Blues zu tun als mit der schlechten wirtschaftlichen Lage. Die Zeitungen müssen sparen, alles Überflüssige wird weggestrichen. In den Redaktionen war man selbstverständlich versucht, das Ende der Berlin-Seiten zum Menetekel für die Stadt zu erklären. Andernfalls wäre es ja ein Menetekel für einen selber gewesen. Aber außerhalb der Medienbranche interessiert es in Berlin keinen Menschen, ob die „Süddeutsche“ oder die „Rundschau“ noch eine Berlin-Seite hat oder nicht. Die Leute in Berlin fühlen sich nicht geehrt. Es ist ihnen einfach egal. Sogar die großartigen und heute schon legendären „Berliner Seiten“ der „FAZ“ waren 95 Prozent der Berliner schnurzpiepegal. Es ist hart, es auszusprechen. Aber es ist nun mal so.

Aufbau des Stadtschlosses? Wiedereröffnung des Lehrter Bahnhofs? Sogar bei solchen Ereignissen zuckt der typische Berliner mit den Achseln. Man hat ja im Laufe der Jahre in Berlin eine ganze Menge gesehen. Die Reichen und die Regierungssysteme, sie kommen und gehen. Krisen, Zusammenbrüche, Pleiten und Auferstehungen. Was bedeutet da ein neuer Bundeskanzler? Oder ein Schloss? Gar nichts.

Besonders viele Gedanken kreisen zur Zeit um den Bezirk Mitte. In Mitte, heißt es, sei das alte Bonn wieder auferstanden. Das Raumschiff, wo jeder jedem pausenlos über den Weg läuft, wo man weiß, in welcher Kneipe man welchen Politiker zu welcher Uhrzeit trifft, wo man weitgehend unter sich bleibt. Die Balance zwischen den Alteingesessenen und den anderen, den Künstlern, Werbeleuten, Journalisten oder auch nur Kneipen- und Kinogängern, diese Balance ist gekippt, schreibt Mark Siemons in der „FAZ“. Wie in einem See mit zu vielen Algen. Die anderen, die Zugezogenen, sind wie Vampire, schreibt er, die sich vom wahren Leben ernähren. Ein paar Vampire hält jede Stadt aus, aber wenn es zu viele werden, dann stirbt das Leben. Stimmt das?

Berlin, wird oft gesagt, sei gar keine richtige deutsche Stadt. Es ist anders, untypisch, exterritorial – größer, unaufgeräumter und unordentlicher. Es gibt in Deutschland noch eine zweite untypische, exterritoriale Stadt, Berlins einzigen Rivalen: München. Wenn Berlin zu groß und zu unordentlich für eine typische deutsche Stadt ist, dann ist München zu ichverliebt und zu strahlend. Nur in München ist Eitelkeit in fast jeder Ausprägung gesellschaftlich akzeptiert, nur dort darf jeder zeigen, wie reich er ist. Inzwischen ist ein Teil der Münchner Elite nach Berlin gezogen, immer mehr wichtige Partys findet hier statt, als nächster zieht vielleicht Edmund Stoiber nach Berlin.

Trotzdem wird Berlin nie wie München sein. In München kann es vorkommen, dass man die Society mit der Gesellschaft verwechselt, in Berlin geht das nicht. Berlin ist zu stark, um von irgendeiner Elite dominiert zu werden. Selbst wenn es in Berlin inzwischen eine Schickeria gibt und in ein paar Jahren vielleicht wieder ein Bürgertum, sie werden die Stadt nie völlig in die Hand bekommen. Sie werden, wie immer in der Berliner Geschichte, mit anderen Schichten um die Vorherrschaft ringen müssen. Deswegen wirkt München so behäbig: Weil dort die gesellschaftlichen Machtverhältnisse geklärt sind. München kann von den Vampiren nicht vollständig leer gesaugt werden, weil München ein zu großes Beharrungsvermögen hat, ein starkes kulturelles Selbstbewusstsein und ein sensibles Immunsystem. München stößt das Neue ab, wenn es zu stark wird. Berlin dagegen hat keinerlei Abstoßungskräfte, es ist wie ein Körper ohne weiße Blutkörperchen. Berlin nimmt das Neue auf, ohne nennenswerten Widerstand. Wer zehn Jahre in Berlin gelebt hat, ist zum Berliner geworden, es geht gar nicht anders. Deswegen können die Vampire Berlin nicht leer saugen. Im Laufe der Zeit verwandeln sie sich, sie sind irgendwann keine Zuschauer mehr, sondern gehören dazu. Das geht hier schneller als anderswo.

Und nach jeder glanzvollen Party kommt in Berlin der Heimweg, auf dem die eine durch Friedrichshain fährt und der andere vielleicht durch Neukölln oder vielleicht auch nur am Bahnhof Zoo vorbei. Da ist es also, das andere Leben. Das ganz normale Volk. Das gibt es also auch.

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