Kultur : Glanz in unserer Hütte Daniel Kehlmann

spricht mit Politikern.

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Der Anhörungssaal im Marie-Elisabeth-Lüders-Haus, einem Teil des Bundestages, besteht aus vielen Halbkreisen. Der Rednertisch und die Publikumsreihen, die Empore im ersten Stock und selbst die riesigen Fensterbögen – alles ist hier halbkreisförmig angelegt. Sichtbeton. Schick. Sachlich. Und ein politisches Statement. Denn so ein Halbkreis ist auch nur ein Kreis, und der Kreis natürlich die Superform der Demokratie: Agora. Runder Tisch. Vermittlung, Austausch, Einladung zur Teilhabe, vor allem die Raum gewordene Behauptung von Teilhabe. Die freilich so einschüchternd ist, dass einem die Lust daran leicht vergehen kann.

In diesem Saal, in dem sonst etwa das „Hochfrequenzhandelsgesetz“ debattiert wird, sitzen an diesem Morgen 300 Zuschauer und lauschen dem Schriftsteller Daniel Kehlmann, der auf Einladung des Wissenschaftlichen Dienstes über das Verhältnis von „Politik und Literatur“ sprechen soll. Kehlmann und die Politik? Kehlmann ist nicht gerade bekannt als „engagierter Literat“, wie man in guten alten Willy-Zeiten gesagt hätte. Das Kriterium zur Einladung war dann auch mehr Kehlmanns Prominenz. In der Welch-Glanz-in-unserer-Hütte-Einleitung fällt mehrmals das Wort „Weltruhm“. Das nimmt Kehlmann bescheiden, aber nicht ohne Freude zur Kenntnis, bevor er einräumt, dass er gar nicht habe kommen wollen, weil er zu Politik nicht viel zu sagen und sich stets für die randständigen Schriftsteller interessiert habe. Aber die Gebäude, die er sonst Gästen von außen zeige, die wollte er doch einmal von innen erleben.

Der Witz an Kehlmanns Auftritt besteht nicht darin, was er sagt, sondern in welcher Rolle er spricht. Er schafft es elegant, die „Schriftstellerrolle des Sehers“ zu unterlaufen und zugleich die Sehnsucht nach dem Großschriftsteller zu erfüllen: im Gewand des gebildeten Weltbürgers.

Als es um die Verführbarkeit und moralische Wendigkeit der Intellektuellen geht, zitiert er Hannah Arendt, als es um den Internet-Hype geht, lässt er lässig einfließen, dass für den Auto-Wahnsinn während der siebziger Jahre halb New York abgerissen wurde. Das ist so richtig wie unspektakulär, spiegelt aber gewitzt das, worüber sich alle einig sind: Die Demokratie ist per se unglamourös, weil sie aus Kompromissen besteht. Da scharren die Anwesenden doch etwas unbefriedigt mit den Füßen. Denn die überraschende Erkenntnis dieser Anhörung ist: Der kompromisserprobte Politikbetriebler als solcher lechzt offenbar sehr nach Glamour. „Sie sind der für ihre Jugend erfolgreichste Autor überhaupt! Danke, danke, dass Sie gekommen sind!“ Und er sehnt sich nach Wertschätzung und Selbsterhöhung durch Literarisierung. „Schreiben Sie doch mal über den Politikbetrieb wie Koeppen.“ Oder wenigstens so wie Karl Kraus. Daniel Kehlmann lächelt und sagt mit Melvilles Bartleby: „Ich möchte lieber nicht.“ Andreas Schäfer

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