Kultur : Glanz oder gar nicht

Sehnsucht nach der Zwischenkriegszeit: Julian Jarrolds Kostümfilm „Wiedersehen mit Brideshead“

Christina Tilmann

Natürlich spielt das Haus erneut die Hauptrolle: Howard Castle, jenes britische Barockschloss, in dem schon die TV-Serie zu „Wiedersehen in Brideshead“ gedreht wurde. Der kuppelbekrönte Hauptflügel, die endlosen Seitenflügel, eine fast 20 Meter hohe Eingangshalle, ein Springbrunnen vorm Haus und die beherrschende Lage auf einem Hügel: Howard Castle hat den „Wow-Faktor“, ist im Presseheft zu lesen. Über 200 000 Besucher pro Jahr denken offenbar ähnlich. Und dass Howard Castle in der nostalgieseligen Waugh -Fangemeinde immer noch mit jenem Sehnsuchtsort Brideshead verbunden wird, durch den 1981 der junge Jeremy Irons als Charles Ryder spazierte, erhöht die Popularität.

Ängste, an den Erfolg von damals anzuknüpfen, hatten die Produzenten von Ecosse offenbar nicht, als sie sich nun das gleiche Haus als Hauptschauplatz aussuchten. Er habe sich die Serie nicht angesehen, um nicht in die Versuchung zu kommen, einen Gegenentwurf zu liefern, sagt Regisseur Julian Jarrold („Geliebte Jane“). Trotzdem sind Bilder entstanden, die denen der Serien gleichen. Ewiger Sommer, prächtige Interieurs, lange Kamerafahrten und panoramaselige Totalen: der Wow-Faktor eben.

Reicht das? Noch immer ist der Elfteiler „Wiedersehen mit Brideshead“ die Referenzgröße für Literaturverfilmungen, was den langen Atem, die Personenzeichnung, die Ausstattung angeht. Wer das schätzt, wird dem neuen Film von vornherein mit Skepsis begegnen.

So weit entfernt aber sind die Versionen nicht. Die Sehnsucht nach großem Kino, großen Bildern ist die gleiche. Und das 20. Jahrhundert ist endgültig historisch geworden. Das literaturbasierte Kostümkino hat nach einer sozial gefärbten Jane-Austen-Phase („Stolz und Vorurteil“, „Geliebte Jane“) mit „Abbitte“ und nun mit „Wiedersehen mit Brideshead“ die Zwischenkriegszeit entdeckt. Es feiert den Glanz einer untergangsbedrohten Welt, die nicht erst durch den Krieg zerstört wird. Sie trägt den Krebs im Inneren der Gesellschaft und die erstarrten Konventionen der Gefühle schon in sich.

Der Regisseur und seine drei Drehbuchautoren haben den Film weniger als Gesellschafts- denn als Liebesdrama angelegt. Die Hauptstränge des Romans, die unerfüllte Liebe des exzentrischen Sebastian Flyte zu seinem Studienfreund Charles Ryder und dessen Faszination für Sebastians Schwester Julia, werden anders als im Buch gleich miteinander verschränkt. Julia begleitet die Freunde nach Venedig, dort kommt es zum ersten Kuss, entflammt die Liebe und scheitert.

Man mag das als Banalisierung sehen. Doch den Unterton von Dekadenz und Verfall, Waughs Abgesang auf eine Gesellschaft, die sich in Nutzlosigkeit verliert, und gleichzeitig seine Sehnsucht nach eben diesem Glanz, all das hat die Neu verfilmung bewahrt. Matthew Goodes Charles ist der Mann, dem es an Glauben fehlt und der gerade deshalb von verzweifeltem Dazugehörenwollen geprägt ist. Seine erste Ankunft in Brideshead, der staunende Blick, aber auch die schnelle Anpassung: Matthew Goodes Gesicht ist das leere Blatt, das nur darauf wartet, beschrieben zu werden. Ihm gegenüber steht die Marchmain -Familie, vor allem der jüngere Sohn Sebastian, dem Ben Whishaw („Das Parfüm“) die zerbrechliche Schönheit eines Puck, einer traurigen Elfe gibt. Sein Absturz in Drogen und Verzweiflung, die niemals ausgesprochene Sehnsucht nach Liebe und auch sein Leben in Marokko, verarmt, aber endlich friedlich: Das alles ergibt ein berührendes Charakterbild.

Die Hauptfigur allerdings ist Sebastians Mutter Lady Marchmain, der Emma Thompson geradezu furchteinflößende Präsenz gibt. Die Katholikin, die ihre Familie mit ihrem fanatischen Glauben zugrunde richtet, ist für den überzeugten Atheisten Charles die eigentliche Gegnerin. Jede ihrer Begegnungen wird zum Duell, in dem die Worte das töten, was an gegenseitiger Anziehung vorhanden ist. Eine unterschwellig erotische, komplexe Beziehung, die beide verkrüppelt zurücklässt. Charles’ Ahnung, dass das, was er als Glaubensirrweg ablehnt, vielleicht der Sinn des Lebens sein könnte, macht ihn so sehnsüchtig einsam. Ist diese Welt uns wirklich fremd?

In sieben Berliner Kinos; Originalversion im Cinestar Sony-Center, untertitelte Originalfassung im Broadway und in den Hackeschen Höfen

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