Kultur : Glanz und Abglanz

Frank Noack

Manche Wörter verschwinden einfach von der Bildfläche. Das Proletariat zum Beispiel: Selbst die PDS gebraucht den Begriff nicht mehr. Vom Bürgertum ist in letzter Zeit wieder mehr die Rede, besonders von der neuen Bürgerlichkeit. Wenn das Zeughauskino eine Reihe „Der diskrete Charme – Bürgertum im Film“ nennt, sind die Beiträge allerdings älteren Datums, und durchweg handelt es sich um Abgesänge auf eine untergegangene Kultur, mal spöttisch, mal wehmütig. Die Reihe beginnt heute, natürlich mit Luis Buñuels Der diskrete Charme der Bourgeoisie (1972), dem berühmtesten Film zum Thema. Buñuel macht sich über großbürgerliche Rituale und falsche Vornehmheit lustig: charmant, mit Sinn fürs Absurde, nie hasserfüllt und nie eindeutig.

Um den aussichtslosen Kampf eines großbürgerlichen Verlegers gegen seine profitgierige Familie geht es in Gerhart Hauptmanns Schauspiel „Vor Sonnenuntergang“, das 1932 unter Max Reinhardt am Deutschen Theater uraufgeführt wurde. Erstaunlich einfach ließ sich Hauptmanns Plädoyer fürs Bildungsbürgertum in NS-Propaganda umwandeln, die eben jenes Bürgertum karikiert: Der Herrscher (1937) handelt nicht mehr von einem kultivierten Verleger, sondern von einem Industriellen (Emil Jannings), der als Schlosser angefangen hat und es im Herzen geblieben ist (Freitag).

Der sonst zu Sarkasmus neigende Orson Welles schilderte in seinem zweiten Film Der Glanz des Hauses Amberson (1942) den Niedergang einer Familie voller Zärtlichkeit und Trauer. Selbst in seiner verstümmelten Fassung ist dieser Film ein Meisterwerk. Er kam zur falschen Zeit heraus. Es war Krieg, und wer interessiert sich in solchen Zeiten schon für einen Abgesang auf das Bürgertum? (Sonntag) In den kommenden Wochen werden noch Filme von Ingmar Bergman, Claude Chabrol und Luchino Visconti gezeigt: allesamt Großmeister des bürgerlichen Kinos.

Es geht auch anders: Dass eine Gruppe von geistig und körperlich Behinderten nach Paris reisen kann, wäre noch vor wenigen Jahrzehnten undenkbar gewesen. Von solch einer Reise handelt Verrückt nach Paris , eine Komödie von Eike Besuden und Pago Balke, die 2002 in der Berlinale-Reihe „Perspektive Deutsches Kino“ gezeigt wurde (heute im Lichtburgforum in der Gartenstadt, Behmstr. 13). Dass die drei Protagonisten aus einem Bremer Behindertenheim ausbrechen, klingt etwas märchenhaft und nach Stadtmusikanten, aber die Darstellung ist authentisch: Es spielen Mitglieder des Bremer Projekts „Kunst und Psychiatrie“.

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