Kultur : Glanz und Kummer von Flandern Zum Tod des belgischen Autors Hugo Claus

Gerrit Bartels

Seine Großmutter nannte ihn gerne zärtlich-besorgt den „Kummer von Flandern“. Wegen seines aufsässigen Naturells und seiner Eskapaden als katholischer Internatszögling. Da ahnte sie noch nicht, dass ihr 1929 in Brügge geborener Enkel Hugo Maurice Julien Claus einmal genau das werden würde: ein Querkopf, Nestbeschmutzer und Skandalproduzent, der Belgien durch seine kurze Ehe mit der „Emmanuelle“-Softporno-Darstellerin Sylvia Kristel und durch seine provokativen politischen Auftritte in Aufregung versetzte. Natürlich konnte sie auch nicht ahnen, dass Claus 1983 sein Hauptwerk „Der Kummer von Belgien“ betiteln würde, damit viel Staub aufwirbelte und sich zudem die zweischneidige Auszeichnung erwarb, ein ewiger Literaturnobelpreiskandidat zu bleiben.

„Der Kummer von Belgien“ lässt sich vergleichen mit Günter Grass’ „Blechtrommel“. Der mehr als 800 Seiten umfassende Roman ist über die Maßen barock und lebensprall, ein Episodenreigen aus dem Claus nur zu gut bekannten Kleinbürgermilieu, allerdings mit epochalen, weltgeschichtlichen Ansprüchen. Er dreht sich nicht zuletzt um die zwiespältige Rolle Flanderns im Zweiten Weltkrieg. Ein kleiner Junge aus dem flämischen Örtchen Walle erlebt staunend, wie sein Vater von der Zerschlagung Belgiens und der Aufnahme Flanderns in den germanischen Bund träumt, um nach Kriegsende die belgische Heimat und ihren König umso überschwänglicher zu preisen.

Doch wie das mit einem Opus magnum so ist: Es überstrahlt viele andere gute Werke eines Autors, und im Fall von Hugo Claus die Tatsache, dass er ein großes Multitalent war. Nachdem er 1946 nach Frankreich ausgerissen war, schlug er sich als Maler durch, werkelte dann in der Künstlergruppe „Cobra“ mit, lernte Antonin Artaud kennen und schrieb Lyrik, experimentelle Poesie und Theaterstücke. Mit seinem Debütroman „De Mestiers“ über eine flämische Bauernfamilie, die sich durch Krieg und Nachkrieg laviert, machte er erstmals ein größeres Publikum auf sich aufmerksam.

So vielseitig Claus war, so intensiv verlegte er sich später auf das immer wieder experimentell und multiperspektivisch gebrochene Prosaschreiben. Allerdings harren viele seiner Romane, die unermüdlich die Bigotterie, Verlogenheit und provinzielle Enge seiner katholisch-ländlich geprägten Heimat anprangern, hierzulande noch ihrer Entdeckung. Erst Kummer von Flandern, dann Flanderns größter Schriftsteller: Bis zu seinem Tod blieb Claus konsequent. Wie es heißt, habe der an Alzheimer erkrankte Schriftsteller ausdauernd um aktive Sterbehilfe gebeten. Gestern ist er 78-jährig in Antwerpen gestorben. Gerrit Bartels

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