Kultur : Glanz, Zerstörung, Wiedergeburt

800 Jahre Dresden in zwei Ausstellungen

Daniel Völzke

Ein Armstumpf weist in eine unbestimmte Richtung. Dort, wo der Unterleib sein sollte, klafft ein Loch. Die Personifizierung der „ernsten Musik“ umtanzte zusammen mit der „Anmut“ und der „Heiterkeit“ den Mozart-Brunnen auf der Dresdner Bürgerwiese. Nach der Bombennacht vom 13. Februar 1945 lag die Figur einige Meter entfernt vom Monument. Nun steht im Park eine Rekonstruktion, und das zerstörte Original bildet das Herzstück der Ausstellung „Mythos Dresden – Eine kulturhistorische Revue“, die das Deutsche Hygiene-Museum Dresden anlässlich des 800. Stadtjubiläums zeigt. In einem dunkel glimmenden Raum thront die majestätische Gestalt, vereinigt in sich Glanz und Elend der Elbestadt.

Das Hygiene-Museum greift den Mythos vom „Mythos Dresden“ auf und zerlegt ihn in Bilder und Sinnbilder, historische Stadtansichten und Satellitenaufnahmen, Kunst und Kuriositäten, Einzelstimmen, Dokumente, Erfindungen. Behutsam wird eine Multiperspektive versucht – was dem ideologisch umkämpften Datum 13. Februar gut tut. Und so tritt die Geschichte hier mal hüftschwingend wie ein Nummerngirl auf, mal steht sie stumm im Dunst wie der Mönch in einem Caspar-David-Friedrich-Bild.

Von einer weißschummrigen Grabkammer für „Luftschlösser“, in der nie realisierte Architekturentwürfe zu sehen sind, geht es weiter über das dionysische, erdige, barocke, goldene, augusteische, sixtinische Dresden bis hin zur Wohnstatt der Musen. Jeder Raum inszeniert durch Lichtinszenierungen und Ausstattung eine andere Entrückung. Der letzte Themenparcours „Metamorphosen“ schließt die Protestbewegung der achtziger Jahre mit Symbolen des Aufschwungs wie dem VW-Phaeton-Modell aus der Gläsernen Manufaktur kurz. Natürlich darf auch das entenhalsige Odol-Fläschchen nicht fehlen, das der Gründer des Hygiene-Museums, der Fabrikant Karl August Lingner, erfunden hat. Der Raum, in dem es gezeigt wird, wirkt wie eine Straße in eine lichte Zukunft, heraus aus dem „Tal der Ahnungslosigkeit“. Nichts soll den Bewohner der derzeit dynamischsten Metropole Deutschlands aufhalten.

Unter den Straßen, unter den Siedlungsschichten schlummert auch das Material, das in der Ausstellung „Dresden 8000 – Eine Zeitreise“ im Japanischen Palais präsentiert wird. Die Räume erinnern mehr an Cocktailbars – zu feiern gibt es nicht nur 800 Jahre Stadtgeschichte, sondern 8000 Jahre menschliches Leben im Elbtal. Auf geschwungenen Theken stehen wie Geschenke geöffnete Kartons, in denen Scherben, Krüge, Speerspitzen liegen und auf deren Oberfläche kleine Strahler die Aura abtasten. Nebenbei wird hier die große Detektivgeschichte der Archäologie, des Spurensicherns, erzählt: etwa vom Sensationsfund eines jungsteinzeitlichen Monumentalbaus in Dresden-Nickern im vergangenen Jahr. Bevor der Besucher wieder in die Gegenwart stolpert, konfrontiert ihn die Ausstellung mit aktuellen Fragen: Welchen historischen Vorbilder suchen sich die Dresdner beim Wiederaufbau? Wem gehört die Stadt? Seine kommunale Wohnungsbaugesellschaft hat Dresden gerade an einen Privatinvestor verkauft.

Deutsches Hygiene-Museum, bis 31. 12., Katalog (Boehlau Verlag) 14,90 Euro. Japanisches Palais, bis 30. 12.

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