Kultur : Glanzbild-Feminismus

KATRIN BETTINA MÜLLER

Kreuz, Buch, Petroleumleuchte und Kaffeekanne: Damit ließe sich die Studierstube eines frommen Einsiedlers ausstatten.In den Bildern der Malerin Marta Hegemann sind dies die Attribute von Frauenfiguren, die nicht selten auf einem Rechteck wie auf einer Insel treiben.Architekturfragmente erinnern an de Chirico: Hegemanns Symbolismus hat es in sich.Besonders dort, wo die Künstlerin sich auf weibliche Erotik bezieht.Kahlköpfig wie eine Modellpuppe posiert eine Frauenfigur mit provozierend gespreizten Schenkeln.Manchmal ist sie gar mit dem Stock der Dompteuse ausgerüstet.Das Spannende an den Bildern ist ihr Sowohl-als-auch.Sie halten die Interpretation der Frauenrollen zwischen Klischee und Verweigerung in der Schwebe.In den zwanziger Jahren sind die meisten der Aquarelle entstanden, die das Verborgene Museum (Schlüterstr.70, bis 8.November, Do / Fr 15-19 Uhr, Sa / So 12-16 Uhr) zeigt.Daß Zeitgenossen Hegemanns ihren "echten frauenhaften Sinn für das Anmutige und Gefällige" lobten, verwundert kaum.Tatsächlich wimmeln die Blätter von Kirchlein, Segelschiffen, Papierdrachen und Vögeln.Erst im Zusammenhang erweist sich das Harmlose und Niedliche als Teil eines komplexen Vexierspiels.Hände, Herzen und Münder flattern durch diese Rätsel: Sie könnten ebensogut einer dadaistischen Phantasie der Körperzerstückelung entsprungen sein wie der Emblematik frommer Glanzbildchen.Hegemann fehlt zwar die analytische Schärfe einer Hannah Höch, doch teilt sie mit der Berliner Künstlerin das Interesse, die Typologie der Frau gegen den Strich zu bürsten.Ihr früher Erfolg fand mit der nationalsozialistischen Kontrolle über den Kunstbetrieb ein Ende.Eine geplante Emigration kam nicht zustande.Marta Hegemann hielt sich mit Porzellanmalerei und Stoffdekoren über Wasser.Erst Ende der fünfziger Jahre fand sie wieder Luft für die freie Kunst.

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