Kultur : Glatz’ und Maus

Advent im Museum: Das Düsseldorfer K21 lässt Juan Munoz’ Figuren aufmarschieren

Johanna Di Blasi

Unweit des Museums steht ein Weihnachtsmann vor einem Geschäft. Es ist gewiss nicht die erste Saison, in der der schäbige Plastikgeselle Kunden anlocken soll. Er spult scheppernd den immer gleichen, enervierenden Weihnachtssong ab. Auch im K21 der Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen hat eine Versammlung immer gleicher Figuren Aufstellung bezogen, nur etwas anderer Art. Juan Munoz’ Polyesterharzschöpfungen sind ungleich subtiler beschaffen. Unter dem Titel „Rooms of My Mind“ ist seine Schar zusammengekommen: in Gedanken versunkene Zwerge, kleine Erwachsene, die auf Schienen hoch über den Köpfen der Museumsbesucher in Schuhkartons leise hin- und herfahren, kindliche Gestalten, die ihre Silikonlippen in lautlosem Murmeln bewegen. So verdichtet sich wenigstens im Museum Stille, die im Advent sonst kaum noch aufkommt.

Zu den bekanntesten Schöpfungen des spanischen Bildhauers gehören menschenartige Wesen, die aussehen, als seien sie beim Sackhüpfen plötzlich versteinert worden. Es sind verspätete Chiffren des bewegungs- und sprachgestörten modernen Individuums. Auch die Munoz-typischen Aufmärsche kahlgeschorener Chinesen mit einbetoniertem Grinsen sind bei aller Kollektivität Allegorien der Einsamkeit und Isolation. Für Besucher ist es eine ebenso amüsante wie irritierende Erfahrung, zwischen hundert grauen Grinsemännern zu wandeln und sich zu fragen: Über wen lachen die?

Munoz’ Installation „Warten auf Jerry“ besteht allein aus Licht und Ton. Man blickt auf ein beleuchtetes Mauseloch und wartet vergeblich auf Jerry/Godot. Der fulminante Soundtrack des Tom-und-Jerry-Comics aber lässt nach und nach Bilder des halsbrecherischen Katz- und Mausspiels im Kopf aufleben. Eine ganze Reihe solcher Rauminstallationen sind in Düsseldorf zu sehen: Bühnen für imaginäre Stücke mit perspektivischen, schwindlig machenden Böden und absurdem Figurenpersonal.

Der 2001 im Alter von nur 48 Jahren verstorbene Künstler gilt heute als Erneuerer der figurativen und erzählerischen Bildhauerei, der die Gattung aus dem kargen Minimalismus herausgeführt hat. Der Popularität in seiner Heimat steht hierzulande eine immer noch zögerliche Rezeption gegenüber. Munoz’ versponnener, am Surrealismus und Existenzialismus geschulter Ansatz steht quer zum intellektuellen Zeitgeist. Das große Publikum stört das nicht. Es bewegt sich mit fast heiliger Scheu durch die Ausstellung. Auch die Museumswärter sind vom Munoz-Fieber angesteckt und lächeln.

Stadtgespräch in Düsseldorf ist derzeit auch ein anderer Bildhauer: Munoz’ Landsmann Manolo Valdés sorgt mit seinen Bronze-Hofdamen („Meninas“) für Streit. Im Sommer defilierten 21 der einem Velázquez-Gemälde entlehnten Damen aus Anlass des Quadriennale-Kunstfestivals auf der Heinrich-Heine-Allee – insgesamt zehn Tonnen Bronze. Das Publikum verliebte sich in sie. Der Bürgermeister ließ zwei ankaufen, eine schenkte der Bildhauer dazu, die restlichen Matronen gingen zurück nach Spanien. Die verbleibenden Hofdamen stehen nun auf dem Grabbeplatz, was wiederum Armin Zweite, dem Direktor der Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen, missfällt.

Die „Meninas“ seien „Kunsthandwerk“, so klagte er öffentlich. An der Kitschgrenze bewegen sich allerdings auch einige Munoz-Schöpfungen, was den Direktor nicht zu stören scheint. Dessen Sackhüpfer und Kicherpuppen haben glücklich den Weg in die beheizten Museumsräume gefunden. Sie müssen nicht wie die „Meninas“ draußen im Regen stehen oder gar im Advent vor Geschäften „Jingle Bells“ schmettern.

Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen K21, Düsseldorf, bis 4. Februar. Katalog 29,30 Euro.

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