Kultur : Glaube nur, was du filmst

Kassette, SMS, E-Mail, Digicam: Die Kölner Tagung „Camcorder Revolution“ erkundet den Nutzen digitaler Medien für die politische Gegenöffentlichkeit

Silvia Hallensleben

In Sachen Revolution ist Zelimir Zilnik Profi. Dreimal schon wurde der Dokumentarfilmregisseur eingeladen, die „revolutionäre“ Bedeutung technischer Umwälzungen seiner Zunft zu erläutern. Erstmals Mitte der Sechziger, als mit den handlichen 16mm-Kameras ein ungeahnt direkter Zugriff auf Realitäten möglich wurde. Dann, zehn Jahre später, zur so genannten Videorevolution, die mit ihren Medienwerkstätten neue Hoffnungen in die demokratische Informationsverteilung setzte. Und nun in Sachen „Camcorder Revolution“ – die gleichnamige Tagung der Kölner SK Stiftung Kultur, der Dokumentarfilminitiative NRW und des Stuttgarter Haus des Dokumentarfilms vernetzte „Videoaktivisten, politischen Dokumentarfilm und internationale Öffentlichkeit“.

Qualitativ, meint Zilnik, ist der Blick auf die filmischen Ergebnisse jener „Revolutionen“ ernüchternd – auch was die vermeintlich größere Nähe zum Sujet betrifft. Doch das Internet vereinige, zumindest theoretisch, über den blitzschnellen Austausch von Bildern und Informationen die Welt. In der nächsten Dekade werde die Mehrheit der veröffentlichten Bilder auch von der Mehrheit der Erdbewohner kommen, die bisher jenseits der Machtzentren in Europa und den USA als mediale Verfügungsmasse galten.

Doch wie mit bloßer Kommunikationstechnik zementierte Machtverhältnisse kippen? „Seeing is Believing“ heißt der Film der Kanadier Katerina Cizek und Peter Wintonick, der das Kölner Treffen eröffnete und ebenso informativ wie enthusiastisch die Kraft der digitalen Kleinkamera zur kommunikativen Demokratisierung feiert. Dabei hat die Verknüpfung von technischer Innovation und sozialer Bewegung Geschichte, so referiert Cizek den Soziologen Alex Magno aus Manila. So sei etwa die iranische Revolution auch ein Resultat der damals neuen Audiokassetten gewesen. Oder Tiananmen: ein gescheiterter Fax-Aufstand. Die Januar-Revolte auf den Philippinen: geboren aus der Vereinigung von E-Mail und SMS.

Der 1985 von Sony erstmals als innovatives Freizeitprodukt auf den Markt gebrachte Camcorder hatte nach dieser Geschichtsschreibung seinen ersten historischen Auftritt sechs Jahre später: Damals führten die mit einer Amateurkamera gedrehten Szenen des von der Polizei zusammengeknüppelten Rodney King erst zur Anklage der beteiligten Polizisten – und nach deren Freispruch zu den größten sozialen Unruhen der USA in den letzten Jahrzehnten. Spätestens da lag es nahe, solche Videozeugnisse auch bewusst zur Aufklärung einzusetzen. So stattet etwa die NGO „Witness“ Menschenrechtsaktivisten in aller Welt mit Digitalkameras und Know-how aus, um Repressalien auch justiziabel zu dokumentieren. Auch die Rodney King-Bilder dienten später als Beweismaterial.

Dabei werden die Bilder selbstverständlich auf ihren Wahrheitsgehalt geprüft. Wie weit aber können und sollen wir im Alltag dem Sichtbaren glauben? Sollte der Titel von Cizek/Wintonicks Film nicht besser ins Negative gewendet werden – „Glaube nicht, was du siehst“? Erkenntnistheoretisch ist das sicher richtig. Doch um nicht handlungsunfähig zu werden, bleibt wohl nur die pragmatische Möglichkeit, sich verlässliche Quellen selbst zu suchen. So holen sich mittlerweile viele, die offiziellen Kanälen nicht mehr trauen, ihre Informationen selbst von alternativen Medienportalen wie labournet.de oder indymedia.org, deren Öffentlichkeitsmodelle auf unmittelbare Partizipation zielen. In den Gremien der globalen Ordnungsinstanzen wird allerdings mittlerweile hochtourig an Regulatorien gearbeitet, um auch diesen unkontrollierten Sektor zu kanalisieren.

Andererseits: Immer noch gibt es den enormen „digital divide“, der die zehn Prozent Menschen mit Internetzugangsmöglichkeit vom Rest der Welt trennt, von der ungleichen Macht der Repräsentation ganz zu schweigen. Von Demokratie könne man überhaupt erst sprechen, wenn der Osten endlich auch ungestraft den Westen repräsentieren dürfe, sagte der indische Dokumentarfilmer Rahul Roy. Das hysterische Vorgehen der USA gegen den Sender Al Djazeera lässt die Hindernisse ahnen. Leider wurden auch auf der Kölner Tagung viele Debatten durch etablierte Fernsehsender blockiert, die Podien und Gesprächszeit besetzten. Muss man sich immer erst am Lokalprogramm abarbeiten, bevor man über Medienpolitik sprechen darf?

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