Glaube : Sind so reine Hände

Nach jahrelangen Auseinandersetzungen in der katholischen Kirche will Papst Benedikt XVI. die Messen im alten Stil wieder aufleben lassen.

Paul Kreiner

Am Sonnabend erhielten die katholischen Bischöfe einen Brief von Papst Benedikt XVI., in dem er seine Mitbrüder ermuntert, die lateinische Messe als forma extraordinaria neben der vor 37 Jahren reformierten Fassung der Liturgie zu verwenden. Ziel dabei ist es, eine Versöhnung von innerhalb der katholischen Kirche widerstreitenden Fraktionen zu befördern.

Genau 400 Jahre liegen zwischen der Einführung der „Tridentinischen Messe“ und dem heute gültigen Messritus. Zwischen 1570 und 1970 aber hat sich die Welt gewaltig verändert. Und wie damals das Konzil von Trient eine Antwort gesucht hatte auf einen alles erschütternden Zeitenwandel – die Reformation –, reagierte das Zweite Vatikanische Konzil vor 40 Jahren auf die nicht minder drastischen Herausforderungen der Moderne. Ein Ergebnis beider Konzilien waren neue Messriten, die aber beide für sich in Anspruch nehmen, die urchristliche, apostolische Originalform der Gottesdienste in gereinigter Form wieder herzustellen.

Sie taten es mit den wissenschaftlichen Mitteln und unter den gedanklichen Voraussetzungen ihrer Zeit. Die „tridentinische“ Epoche dachte praktisch noch mittelalterlich: Es gab ein Volk, und es gab Bestallte „von Gottes Gnaden“, die es zu führen hatten. Spiegelbildlich dazu ist die tridentinische Messe eine Klerusliturgie, die allein der geweihte Priester vollzieht, und der die Gemeinde stumm „beizuwohnen“ hat.

Demgegenüber ist die Liturgie von 1970 eine Gemeindeliturgie. Sie macht Ernst mit den Wandlungen im Selbstverständnis von Mensch und Gesellschaft, wie sie sich seit der Aufklärung vollzogen haben. Der Mensch außerhalb und innerhalb der Kirche hat sich als eigenständige Person entdeckt, der das Recht auf Beteiligung hat. Befreit vom gesellschaftlichen Zwängen, konnte die Kirche Ende des 20. Jahrhunderts unbefangener auf Anfänge und Grundlagen des Christentums blicken und festhalten, dass jeder Gläubige ein mündiger, mit allen Rechten ausgestatteter Christ ist.

Liturgisch hat sich das so niedergeschlagen: Subjekt der Feier ist nicht mehr allein der Priester, sondern mit und unter ihm die gesamte Gemeinde. Der Priester zeigt dem Volk nicht länger die Schultern, wenn er die „heiligen Geheimnisse“ vollzieht, murmelt nicht mehr lateinische Gebete, sondern spricht eine Sprache, die alle Gläubigen kennen.

Man sagt gemeinhin, die „Tridentinische Messe“ sei der größte Streitpunkt zwischen katholischer Kirche und den von ihr abgespaltenen Traditionalisten unter (bis 1991) Erzbischof Marcel Lefebvre und (heute) Bernhard Fellay. Aber das ist falsch. Die Messe ist lediglich die symbolträchtigste Zuspitzung eines viel gravierenderen Dissenses. Die Traditionalisten lehnen das Zweite Vatikanische Konzil generell ab: die Öffnung der Kirche zu den Menschen, den ökumenischen Dialog, die Anerkennung, dass in anderen Weltreligionen „Spuren der Wahrheit“ enthalten sein können, die Mitsprache von Gläubigen überhaupt.

Im Prinzip wehren sie sich dagegen, dass sich der Klerus mit seinen „reinen, geweihten Händen“ nicht länger als heilige Kaste betrachtet, der alle anderen zu folgen haben. Teile der traditionalistischen Bewegung betrachten sogar die Päpste der letzten 40 Jahre als illegitim. Darin besteht das größte Hindernis für eine Wiederannäherung: Auch wenn sich die Lefebvrianer als die einzig verbliebenen, wahren Katholiken darstellen – in Wahrheit begehen sie eine zutiefst unkatholische Rebellion: Sie lehnen die höchste Kirchenautorität ab.

Die „Tridentinische Messe“ übrigens war bereits seit Oktober 1984 wieder erlaubt. Aus Rücksicht auf Traditionalisten in den eigenen Reihen ließ Johannes Paul II. sie auf Antrag zu. Die konkrete Entscheidung unterlag den Ortsbischöfen. In Deutschland, so berichtete zuletzt der Vorsitzende der Bischofskonferenz, Kardinal Karl Lehmann, werde der alte Ritus „in den meisten Bistümern“ gefeiert. Die „Nachfrage der Gläubigen“ indes sei „seit 1993 auf sehr niedrigem Zahlenniveau stabil: Ein wachsendes Interesse kann nicht festgestellt werden".

Latein-Fans, denen es allein um die unbestreitbare Schönheit der Sprache ging, mussten noch nie darben. Lateinische Messen im Ritus von 1970 durften immer schon gefeiert werden. Sie gehören zum festen und zum Fest-Programm jeder größeren Kirche. Paul Kreiner

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