Evangelische Predigt : Die gecoachte Verkündigung

Eine protestantische Predigt klinge heute so, als spräche ein Tüv-Prüfer über den heiligen Gral, findet Botho Strauß. Aber was ist eine gute Predigt? Wie Rhetorikprofis sich in der Welt von Luthers Erben versuchen.

von
Dichter und Texter. Martin Luther ist an der Bibelübersetzung zum Dichter geworden. Und was machen wir daraus? Nachwuchsprediger lernten die Nähe von Verwertungsformeln und religiösen Redeformen kennen, bevor sie in der Kirche des Reformators auftraten.
Dichter und Texter. Martin Luther ist an der Bibelübersetzung zum Dichter geworden. Und was machen wir daraus? Nachwuchsprediger...Foto: epd

Die Luther-Eiche streckt ihre Äste wie Arme ins tiefe Oktoberblau. Und kein Blatt regt sich. Ein paar Amerikaner staunen die Eiche an wie das Wunder, das über den Glauben geht. Hier, vor dem Wittenberger Elstertor hat Luther 1520 die Bannandrohungsbulle des Papstes verbrannt, und da er schon einmal dabei war, gleich noch das ganze päpstliche Recht dazu. Schon am nächsten Tag soll der Baum gepflanzt worden sein.

Zeit der Reife. Zeit der Ernte. Nur manchmal fällt ein Blatt zu Boden, ganz ohne Windstoß, ganz ohne Rütteln. Gerade so beiläufig, so still hat Luther den Deutschen ihre Sprache gegeben, die deutsche Schriftsprache. An der Bibelübersetzung ist er zum Dichter geworden. Und was haben wir daraus gemacht?

Eine protestantische Predigt heute, das sei ungefähr so, als spräche ein Materialprüfer vom Tüv über den heiligen Gral, glaubt Botho Strauß. Andere reden von „Mittlerer Kanzelsprache“. Die Protestanten, die ihre Kirche so ganz auf das Wort gebaut haben – sind sie ihm fremd geworden? Oder sind zeitgenössische Intelligenzen ohnehin predigtresistent?

Vorm Rathaus hält der steinerne Luther einer Gruppe Palästinenser die aufgeschlagene Bibel entgegen, genau gegenüber aber, in dem Haus, das einst Luthers Freund Lucas Cranach gehörte, schreien zehn Jugendliche die Wände an: „Was ist gut? Was ist böse?“, „Kain steht vor Gott!“, „Ich habe meine Eltern noch nie angelogen!“ Alles durcheinander. Und dabei lassen sie sich schwer gegen die alten Mauern fallen. Der „Was ist gut? Was ist böse?“-Frager ist am lautesten. Sieht so die Erneuerung der protestantischen Predigt aus?

Aufmunterung, Erwärmung, Selbstermutigung. Es sind die jeweils ersten Sätze ihrer Predigt. Und es ist noch früh. Am Abend aber werden alle zehn, zwischen 17 und 20 Jahre alt, generalprobeweise in der Wittenberger Stadtkirche predigen, in Luthers Pfarrkirche also. Sie haben es in die Endrunde des Wettbewerbs „Jugend predigt“ geschafft.

Die Jugendlichen in der Schlosskirche. Hier hat schon Luther gepredigt.
Die Jugendlichen in der Schlosskirche. Hier hat schon Luther gepredigt.Foto: epd

Was in der katholischen Kirche undenkbar wäre, ist bei den Protestanten Programm: Jeder kann das Wort Gottes hören, also darf auch jeder predigen. Wenn er es kann! Noch sind Timm, Thekla und die anderen ganz ruhig. Abend ist später, auch sind ihre Predigten noch nicht fertig. Oder anders: Sie waren schon einmal fertig, als sie herkamen. Aber dann zogen sich lange Striche durch ihre Manuskripte, ja schlimmer noch, sie mussten sie zerschneiden und passagenweise auf grünes, gelbes und blaues Papier kleben und die Schnipsel in eine Tüte stecken. Timm hat es am schwersten. Seine Tüte ist weg.

Die Verantwortlichen für dieses Predigtmassaker sitzen ganz oben unterm Dach des Rathauses, im „Evangelischen Predigtzentrum“. Es ist erst eineinhalb Jahre alt, und seine Aufgabe ist das „Predigt-Coaching“. Welcher entlaufene Manager konnte auf dieses Wort zeitgenössischer Verkaufssprache verfallen?

Luther war ein Occupy-Mann der ersten Stunde. Lesen Sie weiter auf Seite 2.

Seite 1 von 3 Artikel auf einer Seite lesen

13 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben