Frauen und Männer : Auf allen Wegen Zugegen

Zwei Drittel aller Deutschen sind überzeugt, dass sie notfalls ein Engel beschützt. Was man über Gabriel und Kollegen wissen muss.

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Schutzengel. Geflügelt und gehyped.
Schutzengel. Geflügelt und gehyped.Foto: Archiv für Kunst und Geschichte

ANGELOLOGIE

Dieser aus dem Altgriechischen abgeleitete Begriff (ággelos= Bote, Abgesandter) bezeichnet die Lehre, die sich mit dem Wesen und der Ordnung der Engel beschäftigt. Er deckt sowohl den von der Kirche sanktionierten Bereich als auch den esoterischen ab. Die Grenzen sind allerdings fließend: Schon Martin Luther beschimpfte übertriebenes Anbeten von Engeln als Abgötterei.

BRETTEN

In dem Städtchen Bretten bei Karlsruhe wurde 2007 das Deutsche Schutzengelmuseum gegründet. Die Ausstellung zeigt Gemälde, Stiche und Amulette von Schutzgeistern aus allen Epochen und Kulturen.

COMPUTER

Auch der Papst hat Internetanschluss. Bei der Benennung ihrer digitalen Infrastruktur blieb sich die vatikanische IT-Abteilung allerdings treu. So heißt die Webseite inoffiziell Gabriel (nach dem Erzengel der Verkündung), die vor Viren schützende Firewall Michael (nach dem Engel mit dem Schwert) und das nur für die Angestellten zugängliche Intranet Raphael (nach dem Engel, von dem es heißt, er arbeite stets im Geheimen).

DYONISUS AREOPAGITA

Pseudonym eines anonymen Philosophen aus dem frühen 6. Jahrhundert, der eine Ordnung der Engel aufstellte und sie in drei Sphären mit je drei Untergruppen aufteilte. In der obersten stehen die himmlischen Berater: die sechsflügeligen Seraphim, die vierflügeligen Cherubim und die Throne, in der zweiten die himmlischen Verwalter namens Herrschaften, Mächte und Gewalten, gefolgt von der dritten Sphäre der himmlischen Boten als da wären Fürstentümer, Erzengel und Engel. Der gemeine Schutzengel dürfte letzterer Gruppe angehören.

ERZENGEL

In der Bibel wird nur Michael im Brief des Judas explizit mit diesem Begriff bezeichnet. Allgemein versteht man unter Erzengeln heute solche, die in der Ordnung über den gemeinen Engeln rangieren. Das Judentum zählte erst zwei, später gemäß des im nicht in der Bibel enthaltenen Tobit-Evangeliums sieben Erzengel. Im Laufe der Zeit stockten andere Glaubensrichtungen ebenfalls auf sieben (im Osten acht) auf. Manche Esoteriker kennen bis zu dreizehn Erzengel.

FYLGJEN

Persönliche Schutzgeister sind keine Idee des Christentums. Die alten Römer kannten „Genien“, die Griechen „Daimones“. In der nordischen Mythologie wiederum gibt es „Fylgjen“ oder „Fylgjur“. Flügel hatten diese Beschützer allerdings nicht. Im Islam schließlich gibt es „Hafaza“, die die guten und schlechten Taten eines Menschen registrieren und über seinen Einzug ins Paradies entscheiden.

GESCHLECHTSLOSIGKEIT

Zwar tragen alle bekannten Engel Männernamen, trotzdem gelten sie vielen als geschlechtslos. Ein Hinweis darauf findet sich im Evangelium des Markus 12,25, wo es heißt: „Denn wenn sie von den Toten auferstehen, heiraten sie nicht und werden nicht verheiratet, sondern sie sind wie die Engel im Himmel.“

HAMBURG

Als Ole von Beust im vergangenen Sommer sein Amt als Hamburger Oberbürgermeister an Christoph Ahlhaus übergab, hatte er ein persönliches Geschenk für ihn dabei – einen bronzenen Miniatur-Schutzengel.

INTERNATIONAL

Am 7. und 8. Mai findet in Hamburg der sechste Internationale Engelkongress statt. Ihr Kommen angekündigt haben unter anderem die als Heilerin arbeitende Prinzessin Märtha Louise von Norwegen und die Esoterik-Autorin Doreen Virtue. Die Karten kosten 120 bis 140 Euro (ohne Verpflegung).

JOHN SINCLAIR

Selbst der Geisterjäger John Sinclair, Held der erfolgreichsten Horrorserie der Welt, kommt nicht ohne den Beistand der Engel aus. In Krisensituationen greift er nach seinem silbernen Kreuz, aus dessen Mitte dämonenvernichtende Strahlen brechen, wenn er die Namen der Erzengel Michael, Gabriel, Raphael und Uriel ruft.

KATECHISMUS

Die Katholische Kirche hat grundsätzlich nichts gegen Engelsglauben – solange man es nicht übertreibt. Im Katholischen Erwachsenen Katechismus Band I heißt es auf Seite 110: „Wir dürfen sie verehren, aber nicht anbeten.“ Den Glauben „Gott habe jedem Gläubigen, ja jedem Menschen einen Schutzengel beigegeben“ leitet die Kirche unter anderem aus dem Psalm 91,1 ab. Darin heißt es: „Denn er befiehlt seinen Engeln, dich zu behüten auf all deinen Wegen.“

LUZIFER

Im christlichen Religionsverständnis hört der Teufel auf den Namen Luzifer. Bei ihm handelt es sich um einen Engel, der aus dem Himmel verbannt wurde, weil er sich nicht mehr der göttlichen Herrschaft unterwerfen wollte. Der Name leitet sich unter anderem aus Jesaja 14, 11–12 ab: „Deine Pracht ist herunter in die Hölle gefahren samt dem Klange deiner Harfen. Maden werden dein Bett sein und Würmer deine Decke. Wie bist du vom Himmel gefallen, du schöner Morgenstern!“ – Für die Römer war Luzifer der Name des Morgensterns. Wörtlich übersetzt bedeutet er „Lichtbringer“.

MARIA

Engel bringen nicht nur frohe Kunde, sondern gelegentlich auch Nachwuchs. Maria, die „Mutter Gottes“, beispielsweise wurde mit Jesus schwanger, nachdem sie Besuch vom Engel Gabriel bekam – derselbe Gabriel übrigens, der dann gute 600 Jahre später Mohammed den Koran diktierte.

NADELSPITZE

Wie viele Engel passen auf eine Nadelspitze? Die berühmte Frage illustriert einen theologischen Streit, mit dem sich auch Thomas von Aquin im 13. Jahrhundert in seiner „Summa Theologiae“ beschäftigte. Im Kern ging es um die Debatte, ob Engel nun materiell oder reiner Geist sind. Wäre Letzteres der Fall, so könnten sich wohl unendlich viele auf einer Nadelspitze tummeln.

OPUS SANCTORUM ANGELORUM

Diese zu Deutsch Engelwerk genannte Organisation beruft sich auf die Lehren der 1978 verstorbenen Österreicherin Gabriele Bitterlich, die bereits als Kind innige Zwiesprache mit ihrem Schutzengel gepflegt haben will. Der Überzeugung des eine Million Mitglieder zählenden Engelwerks nach findet nur der Seelenheil, der sich mit seinem persönlichen Engel mittels einer Weihe verbindet. 1992 verbot eine katholische Glaubenskongregation diese Engelweihe. Im Jahr 2008 erkannte Benedikt XVI. die Lehren des Engelwerks laut „Spiegel“ allerdings wieder an.

PETER FALK

Besucher von Arthouse-Kinos dürften sich an den knautschigen Schauspieler weniger als „Inspektor Columbo“, sondern mehr als göttlichen Boten in Wim Wenders’ „Himmel über Berlin“ erinnern – einem Klassiker des Engelfilms. Eine kleine Auswahl weiterer Darsteller, die Götterboten spielten: Otto Sander (ebenfalls „Der Himmel über Berlin“) Matt Damon und Ben Affleck („Dogma“), John Travolta („Michael“), Nicholas Cage („Stadt der Engel“), Farrah Fawcett („Drei Engel für Charlie“).

QE-AKADEMIE

Die Quantum Engel Akademie hat ihren Sitz in Kassel und laut eigener Aussage das Ziel „der Berufsaus- und Berufsfortbildung auf der Basis der Quantum-Engel-Heilung (kurz QEH)“. Dabei wiederum soll es sich um „eine bahnbrechende Energieheilmethode“ handeln, die von der Ernährungswissenschaftlerin Eva-Maria Mora begründet wurde und die sich „Erkenntnissen der Quantenphysik, der Energietherapie und der Kommunikation mit Engeln“ bedient. Frau Mora berät auch per Telefon. Billig ist das aber nicht: „Der Energieausgleich beträgt 200 Euro pro telefonische QE-Behandlung.“

RAUMSPRAY

Für die Energetisierung der eigenen vier Wände findet man im gut sortierten Esoterikhandel sogenannte Engelsprays. Die Duftrichtung Rose „reinigt und belebt verstopfte Energiefelder“, verspricht www.engel-lichtarbeit.com, wo die 150 ml großen Fläschchen stolze 17 bis 19 Euro kosten. Glaubt man der Kundin Cornelia B. aus R., ist die Wirkung umwerfend: „Der ganze Raum vibriert vor liebevoller Energie. In unserer Familie ist Schnarchen seitdem kein Thema mehr.“

SCHUTZENGELTEE

Engel und Öko schließen sich nicht aus. Man denke nur an den „Blauen Engel“. Protektion – und sei es nur vor Pestiziden – verspricht der Schutzengeltee aus dem Bioladen. Zutaten: Apfelstücke, Koriander, Fenchel, Anis. Zum Süßen empfiehlt der Hersteller: Schutzengelhonig.

TÄTOWIERUNG

Was dem Seemann sein Herz und Anker, ist dem Rucksackreisenden sein Tribal. Besonders beliebt bei jungen Damen, die der Gothic-Szene zuneigen, sind auf den Rücken gestochene Engelsflügel. Das Arschgeweih für die Schulterpartie quasi. Von hühnerflügelgroßen Stummeln bis hin zu rückenfüllenden Schwingen ist alles möglich.

UMFRAGE

Laut einer Forsa-Umfrage für das Magazin „Geo“ aus dem Jahr 2005 glauben zwei Drittel aller Deutschen an Engel – ironischerweise sind das mehr, als an Gott glauben. In anderen Ländern sieht es nicht anders aus: In den USA glauben 55 Prozent, dass ein unsichtbarer Bodyguard sie bereits einmal vor einer konkreten Gefahr bewahrt hat. Eine aktuelle Studie der britischen Bible Society wiederum ergab, dass 31 Prozent ihrer Landsleute an Engel glauben und fünf Prozent überzeugt sind, einen Engel gesehen oder gehört zu haben.

VIRTUE

Eine der wahrscheinlich erfolgreichsten, in jedem Fall aber eine der produktivsten Autorinnen von Engelesoterik dürfte die Amerikanerin Doreen Virtue sein. Auf ihr Konto gehen unter anderem „Erzengel und wie man sie ruft“, „Rückführung mit den Engeln: Geführte Meditationen in frühere Leben“ oder „Das hungrige Herz: Spirituelle Hilfe für Ihre Ernährungsprobleme“.

WWF

Tierfreunde können beim World Wildlife Fund selbst als „WWF-Schutzengel“ aktiv werden und sich für Wölfe, Braunbären oder Seeadler einsetzen. Spenden nehmen natürlich auch die „Gelben Engel“ vom ADAC gerne an.

X PAPST CLEMENS X.

Die Verehrung von Schutzengeln ist etwa seit dem 9. Jahrhundert bekannt. Ihre Ursprünge liegen wohl in Spanien, von wo aus sie sich ausbreitete. Im Jahr 1670 legte Papst Clemens X. den Termin für das Schutzengelfest auf den 2. Oktober. Ganz in die Nähe des Festes des Erzengels Michael, das am 29. September begangen wird.

YELAHIAH

getreu der jüdischen Kabbala gibt es 72 Engel, die alle exakt beschriebene Aufgaben haben. Yelahiah, die Nummer 44, beispielsweise ist der „Engel der Wunscherfüllung“. Zu seinen Fähigkeiten zählt auch, Blinde sehend, Taube hörend und Wahnsinnige wieder klar im Kopf zu machen.

ZEITSCHRIFTEN

Nicht nur in der Buchhandlung, auch am Kiosk sind die Schutzengel gelandet. Dort steht das „ENGELmagazin“ mit Storys wie „Verlieben mit den Engeln“ direkt neben „Visionen“, das von Selbstheilung und der Wiederkehr der Engel berichtet. Auf der gleichen Welle schwimmt „Körper Geist Seele“, das über die Einheit von Materie und Kosmos schreibt. Wem das nicht reicht, der sollte zur „Welt der Esoterik“ greifen, die neben Berichten über geflügelte Wesen auch eine Tarot-Schule und ein Anleitung zum Pendeln anbieten.

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