Was wäre ohne Kreuzigung? : "Das Charisma von Jesus wäre dahin"

Althistoriker Alexander Demandt über die Frage: Wie wäre die Geschichte verlaufen, wenn es das Urteil zum Tod am Kreuz nicht gegeben hätte?

Auf der ganzen Welt wird Karfreitag an die Kreuzigung von Jesus Christus erinnert - oft mit Prozessionen, in denen die Kreuzigung Christi nachgestellt wird. So durchleidet auch in Lima ein Schauspieler für die Gläubigen die Qualen Jesus am Karfreitag erneut. Foto: ReutersWeitere Bilder anzeigen
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06.04.2012 09:15Auf der ganzen Welt wird Karfreitag an die Kreuzigung von Jesus Christus erinnert - oft mit Prozessionen, in denen die Kreuzigung...

Es ist ein Schlüsselereignis in der christlichen Geschichtsschreibung und für das christliche Selbstverständnis: Indem Jesus Christus durch Pontius Pilatus, den römischen Statthalter in Judäa, zum Kreuzestod verurteilt wurde, erlangte er jene Märtyrerrolle, die für die Herausbildung und Entwicklung des Christentums so entscheidend war.

Herr Demandt, was wäre geschehen, wenn der römische Statthalter in Judäa Jesus von Nazareth nicht zum Tode am Kreuz verurteilt hätte?

Die jüdische, die römische, die christliche – ja die gesamte Weltgeschichte wäre ganz anders verlaufen. Ohne Pilatus keine Kreuzigung, ohne Kreuz kein Paulus, ohne Paulus kein Christentum.

Nun hatte Pilatus gute Gründe für seine Entscheidung. Jesus bezeichnete sich als König der Juden, was den Tatbestand des Hochverrats erfüllte ...

Ob Jesus sich selbst zum König der Juden ernannt hat, ist durchaus zweifelhaft. Klar ist, dass seine Anhänger, seine Jünger das von ihm erwartet haben, in einer Verbindung von religiöser Hoffnung und politischem Widerstand gegen die Römer. Hinzu kommt, dass Jesus an den Grundfesten der jüdischen Religion rüttelte, indem er das mosaische Gesetz massiv infrage stellte, die Speisetabus zum Beispiel und die Sabbatruhe. Von daher hatte der Hohe Rat gleich zwei Gründe, ihn anzuklagen, und Pilatus hatte zwei Gründe, ihn zu verurteilen.

Dennoch war es eine Ermessensentscheidung.

Ja. Ein Freispruch war möglich, alternative Strafen lagen nahe. Pilatus hat ja interessanterweise Jesu Jünger nicht verfolgt, sondern Jesus offenbar als Einzeltäter betrachtet. Der hätte, wie andere selbst ernannte Propheten, ausgepeitscht und ausgewiesen werden können, Pilatus hätte ihn geißeln und anschließend frei lassen oder zur Arbeit im Steinbruch und zum Verhör in Rom verurteilen können.

Was hätte, mit Andre Gide gefragt, Christus getan, wenn sein Leben verschont worden wäre?

Er konnte sich zurückziehen, Maria Magdalena heiraten und in der Schreinerwerkstatt seines Vaters sein Brot verdienen. Ein Freispruch hätte ihn ja zum falschen Propheten gemacht, er wäre, anders als angekündigt, nicht für die Sünden der Menschheit am Kreuz gestorben, sein Charisma wäre dahin, seine Sendung erledigt gewesen.

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