Glauben : Ist Gott offenbar - und warum nicht?

Kein Konsumrausch kann verdecken, dass es in der Weihnachtszeit auch um anderes geht. Wir haben dem Philosophen Herbert Schnädelbach und dem Wissenschaftler Jochen Hörisch vier Fragen gestellt - nach Glauben, Atheismus, Moral, Vernunft.

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Ein Licht in der Wüste. Ein Foto aus dem Bildband "Lost in Transition" von Peter Bialobrzeski. -Foto: Promo

Herr Schnädelbach, Herr Hörisch, warum wenden sich Menschen im Zauberspruch oder Gebet an höhere Mächte? Und warum bleibt der Glaube – trotz Wissenschaft und Technik – auch im 21. Jahrhundert erhalten? Gehört Religion zur Natur des Menschen?

HERBERT SCHNÄDELBACH: Religiöse Erlebnisfähigkeit ist eine Sache der Kultur, der Sozialisation, der religiösen Praxis in einer geteilten Lebenswelt. Das wird klar, wenn man an die vielen Menschen denkt – in den neuen Bundesländern sind es über siebzig Prozent der Deutschen –, die vollkommen ohne Religion aufgewachsen sind und auch ohne sie auskommen. Würde die Naturthese zutreffen, dann müsste bei ihnen irgendein Defizit feststellbar sein. Davon kann aber keine Rede sein. Ich halte die Vorstellung, dass der Mensch von Natur aus religiös ist, für eine These, hinter der das Interesse der Verteidiger der Religion steht. Die möchten so etwas wie ein religiöses Bedürfnis vorfinden, damit sie einen Markt für ihre Angebote haben. Wovon ich ausgehe, das ist eine Nachdenklichkeit, eine philosophische Veranlagung des Menschen. Denn ein Hinausfragen über das, was der Lebensalltag an Antworten bereithält – das gehört zu uns. Als Kinder philosophieren wir alle.

JOCHEN HÖRISCH: Warum gibt es Religion? Um über solche heißen Fragen sachlich zu reden, benutze ich gern die Sprache der Soziologen. Und die würden sagen: Ohne Probleme keine Systeme. Also wäre die coole Antwort: Es gibt das Problem der absoluten Kontingenz, das heißt der Zufälligkeiten im buchstäblichen Sinn. Das, was uns zufällt und von keiner Wissenschaft erklärbar ist. Darauf spezialisiert sich die Religion. Sie bietet dazu eine große Erzählung: Was sich immanent nicht mehr plausibel erklären lässt, verweist auf Transzendenz, auf letztlich Unerklärbares. Und man muss ja nicht fromm sein, um zu sagen: Die Religion sieht da was. Sie sieht ein Problem, das wir nicht haben können. Das haben wir lange Zeit ausgeblendet. Aber es kommt jetzt mit unheimlicher Macht zurück.



Haben säkulare, westliche Gesellschaften keinen Glauben? Sind sie postreligiös?

HÖRISCH: Man sollte nicht übersehen, wie viele Elemente der vermeintlich aufgeklärten, atheistischen, säkularisierten Moderne recycelt werden als religiöse Elemente. Das heißt, dass wir den Kapitalismus begreifen können als eine Kultreligion; als Kult der Ware, des Tauschwerts, des Konsums. Ja – des Aufessens: Nehmt hin und esset, dies ist mein Leib. Kauf dieses, kauft jenes. Geht in die Warentempel, betet an. Allerdings: Die schlechteste Form wäre, dass man religiöse Vorstellungen eins zu eins in Politik übersetzt. Das zwanzigste Jahrhundert hat daran gearbeitet. Ob Goebbels oder Hitler oder der Jesuitenzögling Stalin: Man hat für eine Politästhetik mit Liturgien und Aufmärschen gesorgt. Man säkularisierte die Religion politisch in dem Sinn, dass man das Großversprechen der Ewigkeit übernahm, um es handfest zu machen. Ich gebe zu: eine böse Diagnose. Aber ich will darauf hinaus: Das eben wäre die schlechteste Form. Und wie soll man es jetzt sagen, ohne sofort missverstanden zu werden? Denn der Kapitalismus ist oberflächlich, umweltschädlich, verachtungswürdig. Hier geht es nur um das banale Glück des Cappuccinos, des tollsten Handys mit dem neuesten Klingelton. Das Großartige am Kapitalismus ist aber, dass er diese profane Sphäre gewissermaßen heiligspricht. Er ist die Religion der Endlichkeit. Und das macht ihn in seiner fragwürdigen Kulthaftigkeit bescheiden.

SCHNÄDELBACH: Selbst wenn alle Lebensbedürfnisse befriedigt sind, ist es offenbar so, dass noch irgendetwas fehlt. Aber was? Es ist – ja – eine Facette unseres kulturellen Wohlbefindens. Man sagt dann: Es gibt ein Sinndefizit. Man möchte gern wissen, was der Sinn des Lebens und dieser ganzen Veranstaltung unserer kapitalistischen Marktkultur ist. Und dann entdeckt man das, was man Spiritualität nennt. Etwas sehr Unbestimmtes, etwas Höheres, eine Art Färbung des Lebensgefühls, das man glaubt, nur im religiösen Bereich auffinden zu können. Das klingt vielleicht zynisch, aber ich wende mich dagegen, dass man die Nachfrage nach spirituellen Erfahrungen verwechselt mit einer Rückkehr von Religion. Das Religiöse war einmal eine Herausforderung der ganzen Person. Und davon kann doch keine Rede sein, wenn Menschen zur Großveranstaltung des Kirchentages gehen oder zu Tausenden an einem toten Papst vorbeidefilieren.



Sind moralische Werte und Normen letztlich religiös begründet? Oder sind sie autonome Erfindung des Menschen?

SCHNÄDELBACH: Wer behauptet, wenn die Menschen nicht an Gott glauben, dann ist die Moral bodenlos, der ist historisch und philosophisch ungebildet. Wir wissen seit Aristoteles, dass die praktische Philosophie, die sich über Fragen der Gerechtigkeit und des guten, gelingenden Lebens Gedanken macht, auf eigenen Füßen steht. Erst später wurde versucht, die großen Ethiken der Spätantike zu christianisieren. Aber da ist immer noch diese abstruse Vorstellung im Spiel, die Moral bestehe darin, das zu tun, was Gott befohlen hat. Liest man allerdings die genaue Formulierung der Zehn Gebote im fünften Buch Mose, dann heißt es: „Ehre Vater und Mutter – auf dass du wohl lebest auf Erden.“ Mit anderen Worten: Die göttlichen Gebote müssen befolgt werden, sonst geht es einem schlecht. Wenn das Moral sein soll, dann weiß ich überhaupt nichts mehr. Moral besteht doch darin, dass man etwas Gutes tut, weil es das Gute ist. Und nicht etwas tut oder lässt aus Angst vor Strafe oder in der Hoffnung auf Belohnung.

HÖRISCH: Wer naiv gläubig ist und wirklich glaubt, es gebe einen personalen Gott, der verantwortlich ist für Anfang und Ende, für die eigene Biografie und Erlösung – der beleidigt Gott. Ich werde jetzt ein bisschen polemisch. Aber wenn die Menschen wirklich denken, unsere westliche Antwort auf den islamistischen Fundamentalismus müsste sein, dass wir selbst wieder fromm im traditionellen Sinne werden – da kann ich nur sagen: Liebe Leute, wie kann man sich nur so auf den Teufel einlassen!

Die Neuen Atheisten wie Richard Dawkins verteidigen Vernunft und Wissenschaft. Doch ihr missionarischer Auftritt widerspricht der Haltung des Atheisten: selbst zu denken und sich von niemandem bevormunden zu lassen. Wie sieht guter Atheismus aus?

HÖRISCH: Ist Gott offenbar? Zustimmungspflichtigerweise muss man sagen, dass es offenbar ist, dass Gott nicht offenbar ist. Denn sonst gäbe es keine Atheisten. Atheismus heißt allerdings, fromm zu sein. Warum? Weil die atheistische Grundbotschaft lautet: Ich habe dieses eine Leben, und danach kommt nichts mehr. Und wer so denkt, hat die Möglichkeit, sehr bescheiden und dankbar zu sein. Dass es unendlich viel Rätselhaftes, nicht zu Klärendes gibt – das sollte auch der Atheist zugeben. Er hat die Kontingenzfrage ja nicht gelöst; er verhält sich dazu nur feiner. Vulgäratheistisch wäre zu sagen: Junge, deine Probleme möchte ich haben!

SCHNÄDELBACH: Menschen können auch ihren Frieden damit machen, dass sie sich von der Religion abwenden und sagen: Ich habe den Glauben nicht. Ich bin ein Gottloser in dem Sinne, dass ich – vielleicht auch gottseidank – gottlos geworden bin. Und dann müsste man über Humanismus reden – als eine Kultur der Menschlichkeit. Aber auch der menschlichen Gebrechlichkeit und Fehlbarkeit.

Und über den Glauben an die Vernunft, der nur meinen kann: Wir haben gute Gründe, davon auszugehen, dass wir im Prinzip vernünftig sein können. Und nun lasst uns mal alles dafür tun, dass wir es sind. Denn wir haben keine andere Chance.

Die Fragen stellte Angelika Brauer.

Jochen Hörisch, geboren 1951, lehrt Literatur- und Medienwissenschaften in Mannheim. Zuletzt veröffentlichte er im Wilhelm Fink Verlag den Band „Das Wissen der Literatur“.



Herbert Schnädelbach
, geboren 1936, lehrte bis 2002 Philosophie an der Humboldt-Universität. Im Reclam Verlag veröffentlichte er zuletzt den Band „Vernunft“.

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