Glauben : Und da unten wir

Übersetzen, kommentieren, weitererzählen: Wie die göttliche Offenbarung den Menschen erreicht.

Sibylle Lewitscharoff

Beim Botschaftsverkehr zwischen Oben und Unten geht es in der abschüssigen Richtung um Wahrheit, die sich enthüllt und – je nach Empfänger – auf taube oder auffangsame Ohren, scharfe oder blinde Augen stößt. In der aufwärtigen Richtung geht’s um Fluchen, Flehen, Bitten, Fragen. Unten liegt, sitzt, geht, springt, fährt der Mensch herum mit seinen Ohren, die zwar in der Regel über dem Boden getragen werden, aber vom Himmel aus gesehen befindet er sich, da mag er den Kopf so hoch tragen wie er will, sehr weit unten. Oben hingegen … wer außer den wenigen Erwählten, die die Kraft haben, eine Welt ins Blaue zu prägen, weiß schon, wer genau und was genau sich Oben befindet?

Wahrheit verstanden als Wahrheit aus einem Guss kommt von Oben. Sie wird erfahren in einem Raptus, in einer Offenbarung: Wahrheit, die im Nu auf den Menschen kommt, ohne dass dieser imstande gewesen wäre, sie mit eigenen Mitteln zu ergründen. Etwas von der verborgenen Wahrheit Gottes enthüllt sich blitzhaft in ihr. Offenbarung hat nichts mit den gebrochenen Wahrheiten eines perspektivischen, kaleidoskopischen Denkens zu tun, das uns heute natürlich vorkommt. Offenbarung schafft einen Mittelpunkt, auf den sie sich bezieht. Sie ruft den Empfänger beim Namen, ruft ihn als Mittelpunkt in die Welt. Gemessen an der Größe und Weite dessen, der ruft, ist das Haupt des Empfängers stecknadelkopfklein, ja um vieles kleiner noch. Unglaublich, dass dieser Winzling einen Namen hat. Unglaublich, dass man ihn Oben weiß.

Der in einem ungreifbaren Weißnichtwo verborgene Gott ruft – und spricht, ist erst ein Anfang gemacht, zuweilen erstaunlich lang: es kommt zu regelrechten Konversationen. Die Engel dienen als Botschafter, um die Gewalt abzuschwächen, die von Oben ausgeht, wofern Er sich direkt dem Menschen mitteilt – wie das Beispiel des Moses lehrt, der vor dem brennenden Dornbusch sein Antlitz verhüllte. Zu viel Wahrheit bekommt dem Menschen nicht. Womöglich verträgt er sie heute nur noch in homöopathischen Dosen, vielleicht nur geflüstert oder versteckt im Pfeifen einer Maus, die kann, was alle Mäuse können, pfeifen eben, wie Franz Kafkas Josefine.

Offenbarung geschieht zumeist einem Menschen. Sie ist persönlich gehalten, aber ihr Inhalt geht weit über den hinaus, der für würdig befunden wurde, sie zu vernehmen. Der springende Punkt ist: Damit eine Offenbarung nicht wie ein Hirngespinst wirkt, das sich ein febriler Geist auf eigene Rechnung ersonnen, dazu sind andere Menschen nötig, die sich hinter den Empfänger scharen. Dazu ist vor allem eine Tradition nötig, die diese Offenbarung für wahr hält, sie kommentiert, forterzählt und für immer neue Generationen bestätigt.

Und da sind wir mitten in Glanz und Glorie und Misere des Menschen. Versteht ein Menschenkopf überhaupt, was sich da Gehör verschaffen will? Fasst ein Menschenherz dessen Fülle? Ist die Offenbarung vielleicht einem nicht ganz Tauglichen ins Ohr gefallen und am Herzen vorbeigerutscht? Wurde bei der Verschriftung gepatzt? Etwas weggelassen? Unzulässiges hinzugefügt?

Vergessen wir nicht die Fehden, die aufbrechen, sobald sich die für wahr befundenen Texte von der ursprünglichen Sprache lösen und in verschiedene Welten wandern. Mich zum Beispiel ärgert jede andere als die Übersetzung Luthers, so an sie gewöhnt bin ich, als stamme sie von urher und nicht aus dem 16. Jahrhundert. Jeder neue Ton kommt mir wie eine bösartige Erfindung vor, selbst wenn geschätzte Meister für die „Erfindungen“ verantwortlich sind, Martin Buber und Franz Rosenzweig etwa, von denen ich allerdings etwa zwanzig Einzelwörter in meinen Wortschatz überführt habe, allen voran das herrliche Wort Geistbraus.

Genügend Spott wurde schon über die „Bibel in gerechter Sprache“ ausgegossen. Ihre Verantwortlichen sind Frevler, weil sie jeglichen Botschaftsverkehr ausschalten, vor allem aber, weil sie jenen geheimen Zündfaden der Inspiration böswillig kappen, der seit Überbringen der Gesetzestafeln die bibelhorchenden Generationen verbindet, indem er sie einander fremd werden lässt. Kostbares Neuhören wird nur zuwege gebracht aus der Dynamik zwischen fremd und vertraut.

Diese Übersetzung tut so, als könnten wir auf einem Kunstledersitz im Familiengericht uns der Offenbarung nähern, oder während wir einer Runde von Johannes Kerner zuschauen, bei der Bischöfin Käßmann, Wolfgang Joop und Alice Schwarzer nebeneinandersitzen. Zum Botschaftsgeflatter zwischen Oben und Unten gehört die Krise. Offenbarung führt einen Zeithorizont herauf. Sie ist strahlend erfüllte Gegenwart, die alle Generationen von Anbeginn an in einen Strudel reißt und sich in die Zukunft öffnet: Etwas wird sich ereignen, etwas wird befohlen, etwas wird verheißen.

Während Gott zu Noah und Abraham hatte sprechen können, ohne dass der Schrecken diese lähmte (vertrauensvoll scheinen die Urväter ins gewaltige Gespräch sich gefunden zu haben), so wird die Ansprache bei Moses dramatischer und, was Gott ihm zu sagen hat, wesentlich länger. Und ganz allmählich scheint der Allmächtige es leid geworden zu sein, mit Seinem vornehmsten Geschöpf zu konversieren. Er zieht sich zurück und beginnt, sich in Schweigen zu hüllen.

Dann wendet sich das Blatt. Er schickt Seinen eingeborenen Sohn, der es von nun an übernimmt, zu den Menschen zu reden. Vaterrede erfolgt aus Sohnesmund, der einen sichtbaren Menschenmund hat: das Erschrecken für die, die hören und sehen und an die Sohnschaft glauben, wird gelinder, auch wenn es Wunder zu bestaunen gibt.

Von Anfang an waren die Offenbarungen nagendem Zweifel ausgesetzt – wer garantierte, dass da in Wahrheit der Allmächtige gesprochen hatte und nicht etwa ein gefallener Engel, dem täuschend die Nachahmung eines Lichtengels geglückt war? Wo es Propheten gibt, gibt es auch falsche Propheten. Für wahr befunden wurde, was einer Prüfung durch die Zeit standhielt. Die Wahrheit einer Offenbarung hängt davon ab, ob Menschen sie lebendig halten. Zunächst sorgte für den Wahrheitsgehalt der Offenbarungen das Wirken des Erhabenen selbst – öffnete Er doch eine Schneise im Meer, um die Israeliten trockenen Fußes auf der Flucht durchkommen zu lassen, und schloss es wieder für die ägyptischen Verfolger. Ließ Er nicht Manna vom Himmel regnen? Tat Er nicht Wunder über Wunder für Sein erwähltes Volk?

Der glaubensgehorsame Christ ist gehalten, die rechten Gründe für rechtes Handeln zu wissen. Deshalb können ihn die Erkenntnisse aus Physik und Philosophie nicht kaltlassen. Es sickerten philosophische Vernunftlehre und Geschichtstheorie in die Theologie und suchten die Wahrheit der Offenbarung neu zu ergründen. Was ist das nun für eine Wahrheitswirtschaft, die da rund um die uns wesentlichen Offenbarungen betrieben wurde und wird? Wie kann ein unermesslich hohes Wesen, das die Erde und das Weltall geschaffen hat, sich einem so niedrigen Wesen wie dem Menschen mitteilen? Dass da überhaupt geredet werden muss, ist ein Grund für Skepsis. Selbst einem so eminenten Theologen wie Karl Barth blieb die Tatsache fragwürdig, dass in der Offenbarung „menschlich geredet“ werden musste. Zwar hängen wir bis ins Mark unserer Seele am Wort, aber an der wehrhaft zurückzuckenden Welt, am geheimnisvoll sich entziehenden Universum findet die Sprache immer wieder ihre Grenze. Trotz aller Sprachskepsis (die sich in sinnvollen Wörtern ausdrückt und dadurch immer ein wenig lächerlich wirkt) holt uns das Urvertrauen ins Wort zuverlässig ein. Deshalb haben sich die Wortoffenbarungen mächtiger ins kollektive Gedächtnis eingeschrieben als die sie ausschmückenden Visionen, besonders, seit sie verschriftet wurden.

Eine Aushöhlung erfuhren die Worte der Offenbarung natürlich auch, je weitgehender sie symbolisch verstanden wurden. Die Philologie, einst im Herzen der Theologie nistend und sich von dort aus entgrenzend, ist eine Zweifelwissenschaft par excellence. Sie sondert die Textbruchstückchen voneinander ab, datiert, sortiert, jagt Übersetzungsfehlern nach. Einmal in Betrieb genommen, mahlen ihre feinen Mühlen allmählich jede zusammenhängende, inspirierende Bedeutung klein. Wohl wahr: „Das geistige Universum wird durch die Hand des Atheismus zersprengt in zahllose quecksilberne Punkte von Ichs, welche blinken, rinnen, irren“ – wie es in einer hinreißenden Formulierung von Jean Paul heißt. Was aber nicht bedeutet, dass es keine Bestrebungen gebe, den Raum der entkräfteten Offenbarungen neu zu besetzen.

Man werfe einen Blick auf Erfindungen aus jüngeren Jahrzehnten, welche erfolglos um den Status einer Offenbarung rangen und ringen. Friedrich Nietzsches „Zarathustra“ war gewiss einflussreich, eine ganze Generation deutscher Männer stand unter seinem Bann und versuchte aus ekstatischer Höhe, aufs Menschengewühl niederblickend, Politik zu treiben. Zahllos die Zarathustra-Wiedergänger mit ihren hohen Geisthauben um die damalige Jahrhundertwende und bis in den Faschismus hinein. Nach dem Zusammenbruch war der Jammer groß, und die Geisthauben verkleinerten sich zu Brecht-Mützchen und Pepita-Hütchen.

Auch in den Schriften Rudolf Steiners springt die verquaste Mixtur aus Goethes Naturkunde, einem Schuss Nietzsche plus ins Sphärische verdünntem Rassenwahn – die raunende Zeitzunge eben – ins Auge. Bei L. Ron Hubbard, dem Begründer der Scientologen, grenzt der abenteuernde Jetztgeschmack futuristischer Erfindung ans Alberne. Die Botschaften, welche beide Sektengründer aus der Transzendenz empfangen haben wollen, sind nicht glaubhafter, allerdings weit unsympathischer als die Stimmen, welche der schizophrene Senatspräsident Daniel Paul Schreber empfing und aufschrieb.

Vielleicht haben es die Erlöser nach Jesus prinzipiell schwer. Über kurz oder lang werden sie als schlechte Imitatoren angesehen. Man weiß nie: Will der jetzt Jesus’ Sohn sein oder Jesus’ Enkel oder Urenkel. Ein neuer Erlöser mag sich persisch, indisch, chinesisch geben wie er will, komisch wird’s allemal, wenn er sich aufführt. Den sittigenden Kraftakt, welcher mit dem Überbringen der Gesetzestafeln einhergeht, die Dramatik vom Tod am Kreuz und ihre mit jedem Nagel eingehämmerte Botschaft, dass da ein Unschuldiger gestorben und hinfort jedes Menschenopfer skandalös ist, werden wir nicht so leicht aus unserem Gedächtnis tilgen können. Was Generationen lebendig tradiert haben, können nicht bloß Hirngespinste sein, davon zeugen allein schon die kraftvollen Blasphemien, die diese wahrhaft unerhörten Begebenheiten immer wieder provozieren.

Erinnert sei aber daran: Die witzigsten Botschaften überbringt die Natur. Schauen wir uns den Jesus-Basilisken an, diesen unerhörten Wasserflitzer unter den Echsen, der sich mithilfe von Läppchen über der Wasserhaut hält, die er zwischen den Zehen ausfaltet. Schauen wir hin, bis uns die Augen schwimmen, wie weit er die Camouflage treibt. Ob er den Anhauch eines wohlgelockten Bärtchens entwickelt und eine mittengescheitelte Frisur? Wenn wir Glück haben, vielleicht zeigt er uns noch einen dunklen Streifen am Bäuchlein und alle Stigmata dazu.

Dann aber nichts wie weg von der Natur und zurück zu den Büchern, wo erlösende Schnipsel wie Kraut und Rüben durcheinanderwachsen. Rasch Kafkas „Landarzt“ aufblättern und nachlesen, warum die Seitenwunde des kleinen Messias, zu dem sich der Landarzt ins Bett legt, „offen wie ein Bergwerk“ aussieht, „obertags“. Dann schnell, schnell im „Proceß“ nachschauen, die Stelle, wo sich das Fräulein Leni, die Advokatenpflegerin, an K. drängt und ihr Verbindungshäutchen zwischen Mittel- und Ringfinger vor ihm aufspannt.

Kommentar ist schöner als Natur, Gerechtigkeit schöner als Kommentar. Menschen, die Gerechtigkeit üben, bringen wider alle Natur den Botschaftsverkehr zwischen Oben und Unten zum Leben, Flattern, Jauchzen.

Sibylle Lewitscharoff, 1954 in Stuttgart geboren, lebt als Schriftstellerin in Berlin. In der Deutschen Verlags-Anstalt erschien zuletzt ihr Roman „Consummatus“. Der Text basiert auf einem Vortrag, den sie bei einem Symposion zum zehnjährigen Bestehen des Deutschen Übersetzerfonds im Literarischen Colloquium Berlin hielt. Die Autorin dankt Peter Kuhns „Offenbarungsstimmen im Antiken Judentum“ und Franz Rosenzweigs Studie „Der Stern der Erlösung“ für Anregungen.

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