Kultur : Glaubenskampf

ECKART SCHWINGER

John Dews aktuelle politische Inszenierung von Giacomo Meyerbeers "Hugenotten" hatte 1987 in der Deutschen Oper Berlin Aufsehen erregt.Sie zeigt in der anspielungsreichen Ausstattung von Gottfried Pilz die irrwitzige Spaltung einer Gesellschaft, das brisante Aufeinandertreffen von Menschen unterschiedlicher Weltanschauung.Die am Ende quer über die Bühne gezogene Mauer umreißt schließlich die ganze politische Tragödie.Beunruhigt das auch noch fast zehn Jahre nach dem Berliner Mauerfall? Die von großer Zustimmung getragene Wiederaufnahme der "Hugenotten" mit mehreren Neubesetzungen im Haus in der Bismarckstraße erweist sich noch immer als eine imposante Produktion mit gehörigen Denkanstößen - auch wenn zwangsläufig einiges etwas blasser wirkt als vor Jahren und anderes in dem bisweilen gespreizt-grotesken Aktionismus verebbt.

Die Brandmarkung der Hugenotten noch während der Ouvertüre vor der die gesamte Bühnenoptik beherrschenden, zerschossenen Häuserfront mit den düsteren, zugemauerten Fenstern und Eisentüren, wie man sie von der einstigen Grenzübergangsstelle in Ostberlins Friedrichstraße oder in Belfast kennt, signalisiert die total verfeindeten Glaubensfronten, die religiöse Intoleranz, den blutigen Terror, die in dieser Oper verhandelt werden.Die Entlarvung der gnadenlosen Fanatiker fällt deutlich aus.Da gibt es trotz mancher spannungsarmer Szenen noch immer Momente, die unter die Haut gehen.Außerdem fördert John Dew selbst in einer Oper, die um das grausige Geschehen der Bartholomäusnacht kreist, immer wieder hintersinnig-lustige Unterhaltung zutage: bei dem schön ironischen Schäferspiel oder dem kapriziösen Bild der sich im Swimmingpool tummelnden feinen Damen, die der blutige Bürgerkrieg nicht zu berühren scheint.Das Ganze kurbelt Stefan Soltesz impulsiv an.Er hat musikalisch alles fest im Griff.Chor (Helmut Sonne) und Orchester sind in Form.Die sängerischen Glanzpunkte kommen von Alexandra von der Weth als stimmlich wundervoll ausgefeilte und farbschöne Margarethe von Valois, von Elisabeth-Maria Wachutka als herzhaft-expressive Valentine, von Ulrike Helzel als bravourös losprasselnder Page.Chris Merritt begegnete der exponierten Tenorpartie des Raoul trotz einiger Verschleifungen und Abnutzungserscheinungen mit Vehemenz und Risikofreudigkeit.Als trotzig-kauziger Marcel mußte sich an diesem Abend Reinhard Hagen bedauerlicherweise bremsen.Trotzdem konnte man ahnen, daß er seinen protestantischen Choral nur zu gern als Trost- und Sturmgesang in den Bühnenhimmel gedonnert hätte.Das dürfte er bei den weiteren Vorstellungen auch sicherlich tun.

Weitere Vorstellungen am 18.und 22.12.um 19 Uhr und am 27.12.um 18 Uhr.

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