Kultur : Glaubenssache

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SOTTO VOCE

Jörg Königsdorf führt

Christen in Versuchung

Die geistlichen Würdenträger unseres Landes haben erstaunlichen Mut bewiesen, als sie den ersten ökumenischen Kirchentag ausgerechnet nach Berlin legten. Nicht nur, weil die Hauptstadt gemeinhin nicht gerade als religiös gilt, sondern vor allem, weil die von allüberall angereisten Schäfchen hier besonders leicht auf Abwege geraten können. Die Versuchung, die eine oder andere Pflichtübung auszulassen, ist übermächtig, und mancher Gläubige wird im Stillen längst einen Besuch der Philharmonie gelobt haben. Und der Herr hat es auch wunderbar gefügt: Just heute und am Sonnabend spielen die Philharmoniker höchstselbst, wenn auch ohne ihren Hohepriester Simon Rattle. Statt dessen wird der schottische Komponist Oliver Knussen seine Kinderoper „Where the wild things are“ und Strawinskys Divertimento „Der Kuss der Fee“ dirigieren – ein Programm, das etliche Abonnenten grämen wird und deshalb klassikinteressierten Christen die Möglichkeit bietet, spontan eine Karte zu ergattern. Und die Oberhirten dürfen sich über Abwanderungen nicht mal beklagen: Denn schließlich ist klassische Musik Bestandteil jedes anständigen Gottesdienstes und wird das Interesse für Bach, Brahms und Messiaen bei vielen Gemeindemitgliedern durch deren Mitwirkung in Kirchen und Posaunenchören geweckt haben. Dass die Organisten der Berliner Kirchen zu diesem Anlass mächtig in die Tasten greifen, versteht sich fast von selbst, und alle, die sich nicht schon am Sonntag in die berstenden Züge setzen wollen, können an diesem Abend noch einen würdigen klassisch-religiösen Schlusspunkt setzen: Im Sinne der Dreieinigkeit bringt der Studio-Chor Berlin in der Philharmonie gleich drei „Te Deum“ - Vertonungen auf einmal: Potenziertes Gotteslob von Mozart, Bruckner und Dvorak. Auf dass es dem Herrn ein Wohlgefallen sei.

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