Kultur : Gleich geht’s weiter

Heute ist Internationaler Frauentag. Wo verlaufen am Beginn des 21. Jahrhunderts die Geschlechterfronten?

Caroline Fetscher

Im Zauberland Narnia, das uns als lesende Kinder begeisterte und jetzt die Kinokids entzückt, herrscht eine Weiße Hexe, die „immerzu Winter, immerzu Winter und niemals Sommer macht“. Wir froren fürchterlich. Aber die Ankunft des heraldischen Löwen Aslan machte der grausamen Herrschaft der Frau den Garaus. Clive S. Lewis stellte die gewohnte symbolische Ordnung wieder her, indem er Aslan ein männlich-mildes Zepter schwingen lässt. Endlich ist wieder Frühling, endlich grünen die Bäume, schmilzt das Eis und die Flüsse fließen. Eine Frau an der Macht, das verhieß nichts Gutes. Frauen sollen mütterlich sein, in sonstigen Sphären stören sie.

Ganz anders tritt uns die real existierende Madame Macht der Gegenwart entgegen. Neuerdings begegnet uns, im Inland wie im Ausland, die Frau als kleine Sensation, die Frau auf Gipfeltreffen. Sie hat das Ruder der Macht an sich gerissen, um Außenministerin zu werden, wie Condoleezza „Condi“ Rice in Amerika, oder Staatsoberhaupt, wie Michelle Bachelet in Chile oder Ellen Johnson-Sirleaf als Premierministerin von Liberia. Deutschlands Kanzlerin ist Angela „Angie“ Merkel, deren Beliebtheit die ihrer männlichen Vorgänger übertrifft, obwohl sich für die Massen, etwa der Arbeitslosen, kaum Messbares geändert hat. „Ich sehe keinen Grund, warum Männer nicht das Gleiche leisten können wie Frauen“, hat Angela Merkel an Neujahr gesagt, halb im Scherz und in Anspielung auf die Fußballerinnen, die Weltmeister wurden.

Statistisch betrachtet gibt sich der Frauenfortschritt, in Deutschland zumal, dennoch weiterhin als dieselbe alte, zäh ihre Bahnen ziehende Schnecke. „Immerhin“ bleibt das Hauptwort zum Thema. Zwar lehren jetzt 1150 Frauen als C4-Professorinnen an deutschen Hochschulen, zählt das Statistische Bundesamt nüchtern. Doch es erfasst zugleich 12 530 Männer auf diesen Posten, mehr als zehnmal so viele. Gegenüber den mageren 3,8 Prozent Frauen, die 1992 solche Lehrstühle besaßen – ein Zuwachs. Immerhin. Frauen nehmen heute knapp sieben Prozent der Spitzenpositionen in deutschen Großunternehmen ein – immerhin, verglichen mit den 3, 2 Prozent von 1995. Und immer noch sind es die Skandinavier, die mit gleichmütigem, post-protestantischem Elan Revolutionäres leisten.

So gilt in Norwegen seit dem ersten Januar ein Gesetz, das von den rund 500 börsennotierten Unternehmen verlangt, ab Januar 2008 den Frauen mindestens 40 Prozent aller Aufsichtsratssitze zu überlassen – derzeit liegt der Frauenanteil dort bei 16 Prozent. Je länger und fester die Demokratie installiert ist, desto mehr scheint die Gleichberechtigung, Schnecke hin, Schnecke her, auf dem Vormarsch.

Auf den ersten Blick wirkt es also, als litten allein die Frauen im prädemokratischen Ambiente – Pariser Banlieues, Kreuzberger Milieu traditioneller Türken – noch massiv unter Repression. Und als seien zum Beispiel in Deutschland Feministinnen wie die Deutschtürkinnen Necla Kelek oder Seyran Ates die relevantesten Protagonistinnen von Reformen. Zwangsehe, Schleierpflicht, Ehrenmorde, Analphabetismus: In „fremden“ Gefilden scheinen die letzten Bastionen der Frauenunterdrückung zu liegen. Massive Diskriminierung von Frauen gehört zum Iran, zu Pakistan oder Syrien – wenn auch dort der Halbmond sich allmählich rundet und immer mehr Frauen ihre Rechte einklagen. Wir Westler aber, sagen wir, hätten unsere Lektion gelernt.

Tatsächlich? Auf den zweiten Blick erweist sich das globale Feld der Geschlechterverhältnisse als komplexer. Alte Mythen wirken fort, neue Fragen tauchen auf. Wie kommt es, lautet eine davon, dass Gewalt von Frauen an Kindern auch hierzulande zunehmend zum Thema wissenschaftlicher Studien und medialer Berichterstattung avanciert? Welche düstere Region der weiblichen Psyche drängt da ans Licht, eine, die als tabuisierte Sperrzone zuvor kaum je auf der Landkarte der Geschlechter markiert war? Während deutsche Mütter wie jene der 2005 an Misshandlung gestorbenen Kinder Jessica und Dennis als von Boulevardmedien stigmatisierte Einzeltäterinnen die Fantasie eines breiten Publikums beschäftigen, konstatieren Forscherinnen und Forscher eine Dunkelziffer der Frauengewalt, von der vergangene Jahrzehnte wenig wissen wollten. Väter organisieren sich gegen gewalttätige Mütter in Netzwerken wie www.pappa.com. Und von Frauen sexuell Missbrauchte tauschen sich auf Websites wie www.couragenetz.de aus. Mit den Frauen am Gipfel wird auch der Abgrund der Frauen offenbar. Was läuft schief?

Gar nichts. Im Gegenteil. Unsere westliche Imago des Weiblichen entfernt sich einerseits von Stereotypen wie „Mütterlichkeit“ und „Natur“ und lässt uns schärfer sehen, was es schon vorher gab: Frauen sind zu genau denselben pathologischen Defiziten an Empathie und Wärme fähig, wie sie etwa bei Männern vorkommen, die vergewaltigen oder morden. Andererseits ist zu erkennen: Wo Frauen immer noch statistisch nachweisbar im Nachteil sind, herrscht strukturelle und aktuelle Gewalt zwischen den Geschlechtern. Das umfasst die gesamte Gesellschaft, Männer und Frauen, die sich ja ineinander spiegeln, miteinander Gesellschaft herstellen. Alle Männer, die Frauen verwunden, verletzen damit auch sich selbst, ihre Frauen, Mütter, Schwestern.

Solange zwischen den Geschlechtern Asymmetrie in der Partizipation besteht, solange Frauen ausgeschlossen und marginalisiert werden, solange physische wie psychische, massive oder subtile Gewalt gegen sie geduldet, ermutigt oder institutionalisiert wird, mangelt es am entscheidenden Potenzial für sozialen Frieden. Und zwar in allen Köpfen und Körpern, gleich ob männlich oder weiblich. Die Statistiken belegen klar, dass wir auch in Deutschland in weiten Teilen noch immer eine solche Gesellschaft sind – wenn auch auf dem Weg der Besserung.

Selbst westliche Gesellschaften, von streng religiösen und strikt traditionellen ganz zu schweigen, befinden sich auf der Straße der Gleichberechtigung erst am Anfang vom Anfang. Atavismen wie die mythische Ambivalenz „Weiße Hexe – Gute Mutter“ weisen ein Beharrungsvermögen auf, das nicht in ein oder zwei Generationen hinfällig wird. Auch das belegen die skandinavischen Gesellschaften: dass erst die dauerhafte Erfahrung von Demokratie das Auflösen klassischer Rollenbilder begünstigt. Zwischen Ibsens „Nora“ mit seiner immer noch erschreckend modern wirkenden Diagnose der Herrschaftsverhältnisse in der Ehe und unserer Zeit liegen bald 130 Jahre.

Den Internationalen Frauentag, ausgerufen vor 95 Jahren, zu Zeiten der Rebellion gegen die brutale Ausbeutung von Fabrikarbeiterinnen in der Textilindustrie, wird die Welt noch eine Weile lang nicht ad acta legen können. Aber etwas Neues lässt sich hinzudenken. Immerhin.

„Frauentag“, „Männertag“, „Tag des Kindes“? Empathie, die Grundvoraussetzung sozialen Friedens, hat kein Geschlecht. Gustave Flaubert konnte sich in „Madame Bovary“ so gut hineinversetzen, wie Harriet Beecher Stowe sich in „Onkel Toms Hütte“ mit einem afroamerikanischen Mann identifizieren konnte. Soll die Uno, die den Frauentag 1977 an Bord nahm, doch die Epoche der Empathie ausrufen. Klar, eine Utopie. Doch damit hätten wir ein ziemlich gutes Ziel.

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