Kultur : Gleich und gleich

„Außenseiter“: Suhrkamp erinnert an Hans Mayer

Gerrit Bartels

Man kann es als Beweis dafür sehen, dass dieses Buch nach wie vor seine Faszination ausübt und auch seine Aktualität nicht verloren hat: Die Berliner Repräsentanz des Suhrkamp Verlages in der Charlottenburger Fasanenstraße ist bis auf den letzten Platz gefüllt, als es am Montagabend gilt, an den großen, 2001 verstorbenen Literaturvermittler und Literaturwissenschaftler Hans Mayer und sein 1975 erschienenes Opus magnum „Außenseiter“ zu erinnern. Der Suhrkamp Verlag, wie immer zuverlässig, wenn es um die Pflege seiner Klassiker geht, hat dieses Werk anlässlich Mayers bevorstehendem 100. Geburtstag am 19. März neu aufgelegt.

„Außenseiter“ geht von der These aus, dass die bürgerliche Aufklärung gescheitert sei, dass die Gleichheit vor dem Gesetz noch lange keine gleichen Lebenschancen bedeute. Mithilfe der Literatur, ihrer Autoren und Helden, von Dalila oder Albert Bloom über Johanna von Orléans bis zu George Sand und Marcel Proust, aber auch anhand der Darstellung historischer Vorgänge belegt Mayer dann an drei Beispielen, wie unzureichend die Emanzipation vorangeschritten ist: an den Frauen, den Homosexuellen und den Juden.

Dabei übernimmt an diesem Abend vor allem der österreichische, 1961 in Tel Aviv geborene Historiker und Schriftsteller Doron Rabinovici die Aufgabe, die Gegenwartsbezüge von „Außenseiter“ herzustellen. So wenn Mayer etwa vom Judenhass nach Auschwitz schreibt: „Wer den ,Zionismus‘ angreift, aber beileibe nichts gegen die ,Juden‘ sagen möchte, macht sich und anderen etwas vor. Der Staat Israel ist ein Judenstaat. Wer ihn zerstören möchte, erklärtermaßen oder durch eine Politik, die nichts anderes bewirken kann als solche Vernichtung, betreibt den Judenhaß von einst und von jeher.“ Da fällt die Verbindung, die Rabinovici herstellt, leicht: zu Irans Staatspräsident Mahmud Ahmadinedschad.

Christoph Hein und Christa Wolf dagegen, beide ebenfalls auf dem Podium der Suhrkamp-Repräsentanz und, anders als Rabinovici, mit Hans Mayer persönlich bekannt, ergehen sich lieber in Erinnerungen. Christoph Hein spricht kurz von der „staatserhaltenden Funktion“ von Außenseitern („die Gesellschaft braucht Außenseiter, um sich zu stabilisieren“) und berichtet, dass die Gespräche mit dem in seinen letzten Lebensjahren erblindeten Hans Mayer sich nurmehr um dessen Gesundheit gedreht hätten. Und Christa Wolf, in den fünfziger Jahren Studentin bei Mayer in Leipzig, erzählt, wie sie mit ihrem Mann und Mayer einst „im ersten Haus am Platz“ in Bremen essen war und Mayer vorschlug, Rote Grütze als Nachtisch zu wählen, man sei schließlich in Norddeutschland. Als sie diese bekamen und wegen ihrer eher mäßigen Qualität schweigend vor sich hin löffelten, wäre es an Mayer gewesen, die Spannung zu lösen, indem er sagte: „Doch, doch“. Daraufhin hätte er erklärt, so Wolf, dass die Gruppe 47 mit diesem „Doch, doch“ gern weder gelungene noch besonders misslungene Texte charakterisiert habe. Und so ist auch dieser Abend: doch, doch, ein Teaser, nicht mehr.

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