Kultur : Gleis 8

Moritz Rinke

Dies ist keine Weihnachtsgeschichte, aber sie beginnt Heiligabend am Hauptbahnhof Hannover, Gleis 8. „Kommt da noch was?!“, schrie eine Frau mit vier Tüten in der Hand, aus denen eingepackte Geschenke herausguckten, mit Schleifen und Blumen. Ein Mann mit einer noch uneingepackten Playstation unterm Arm stellte sich vor einer Bahnbediensteten auf: „Sagen Sie mal, soll ich hier bis Neujahr warten!?“ „Demnächst“, sagte die Bedienstete zitternd, könne noch ein Regionalzug fahren. Sie sagte es ganz leise um 19 Uhr, jetzt war es 21 Uhr, und außer der Frau mit den Tüten und Blumen, dem Mann mit der Playstation und einem Trinkenden ohne Ziel war niemand mehr auf Gleis 8. Ich kenne auch niemanden in Hannover, dachte ich, außer den Bundeskanzler, und da kann ich nicht klingeln.

Gunnar, der Trinkende ohne Ziel, reichte mir Schnaps. „Wird wärmer damit. Musst dir den Weihnachtsbaum da hineintrinken.“ Er betrachtete den Mann mit dem uneingepackten Geschenk, der den Bahnsteig auf und ab lief. Von Abschnitt F nach A, dann wieder von A nach F. Ich wusste nicht, ob nun auch Gunnar an Deutschland dachte, wahrscheinlich eher nicht, er trank den brennenden Weihnachtsbaum in sich hinein, warum sollte er an Deutschland denken? Aber wie fassungslos der andere Mann mit seiner Playstation unterm Arm in die dunkle, signallose Leere der Bahnschienen starrte! Stellenabbau! Haushaltslöcher! Börseneinbrüche, Renten-Desaster, Abwärtsspirale! Was soll da noch kommen aus der Ferne der deutschen Schienenführung?

Die Blumen der Frau hingen jetzt geknickt aus der Tüte, gegen 21 Uhr 30 hatte sie noch mal einen vorbeieilenden Bediensteten angeschrien: „Warum haben Sie keine Dampflok?!“, als ob man das Rad der Geschichte zurückdrehen könnte: vereiste Oberleitungen, Neoliberalismus, der deutsche Sozialstaat, alles Fehlplanungen, man muss zurück zur Dampflok, um in Zukunft die Feste wieder so zu feiern wie immer. Vielleicht hatte ich schon zu viel von Gunnars Weihnachtsbaum getrunken, aber der Mann mit der Playstation sah plötzlich aus wie Herr Bsirske von der Gewerkschaft. Ganz vorne im Abschnitt A hatte er sich hingestellt, die Hand in Richtung der versprochenen Einfahrt des Zuges vorgestreckt und den Flächentarif eingefordert wie jedes Jahr.

Am liebsten hätte ich jetzt doch beim Bundeskanzler geklingelt, um ihn auf Gleis 8 zu holen und ihm zu zeigen, was in seinem Land vorgeht. Das größte Problem entsteht ja dann, Herr Kanzler, wenn sich alle, die Privilegien genießen, plötzlich der finalen Systemkrise bewusst werden und dann die Regionalbahn aus allen Richtungen nicht mehr kommt und der ganze Verkehr - ob man will oder nicht - in die Nullrunde muss. Da muss man halt mit Mut voranschreiten und neue Wege zeigen! Was nützt es da, in China aus dem Transrapid zu winken. Wir sind in Hannover, Gleis 8.

Bevor wir wirklich reformfähig werden, sagte ich zu Gunnar, müssen wir Deutschen die nächsten Jahre alle mit dir hier hintereinander Weihnachten, Silvester, Neujahr und die drei heiligen Könige feiern, auf Gleis 8! Gleis 8 wäre jetzt unser Reform-Camp für das Brechen von Strukturen, Gewohnheiten, Verfestigungen. Auf Gleis 8, lieber Gunnar, lernen wir uns endlich zu verwandeln. Gunnar nickte und zeigte mit dem Finger auf die Frau mit den geknickten Blumen.

Es war mittlerweile 23 Uhr, sie saß auf einem dieser Eisenstühle, die Playstation des Mannes auf den Knien und packte sie ein in goldenes Papier mit Schneepflocken. „Muss man doch einpacken!“, sagte sie zu dem Mann, der sich neben sie gesetzt hatte und den Finger auf den Knoten der Schleife hielt.

Dann lächelten sie sogar. Ein Bild der Hoffnung, für die Deutschen.

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