Glenn Greenwalds Buch "Die globale Überwachung" : Verstecken ist nicht

"Die globale Überwachung" hat Glenn Greenwald sein neues Buch genannt. Tatsächlich ist es ein Medien- und Spionagethriller über Edward Snowden, den Datensammelwahn der NSA und die Folgen.

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Im Datenwust der Cyberkultur Foto: dpa-bildfunk
Im Datenwust der CyberkulturFoto: dpa-bildfunk

Als Glenn Greenwald das erste Mal in seinem Leben auf Edward Snowden trifft, in einer riesigen Hotelanlage in Hongkong, nimmt er als erstes den Zauberwürfel in Snowdens Hand wahr – wie vorher verabredet soll dieser das Erkennungszeichen sein für ihn und seine Kollegin Laura Poitras, dass Snowden tatsächlich derjenige ist, mit dem sie seit einigen Monaten in Kontakt stehen. Als „bizarr“, „schräg“ und „unwirklich“ beschreibt Greenwald in seinem Buch über den Fall Snowden und die NSA diese Erstbegegnung mit dem bunten, „ungelösten“ Zauberwürfel; nicht bizarr und schräg, aber in jedem Fall unwirklich, nämlich wie ein fiktiver, aber enorm guter Spionage- und Medien-Thriller, lesen sich auch die ersten beiden Kapitel von „Die globale Überwachung“, wie Glenn Greenwalds zeitgleich in den USA und Europa veröffentlichtes Buch „No place to hide“ schlicht und treffend in der deutschen Übersetzung heißt.

Unter dem Pseudonym „Cincinnatus“ schreibt Snowden Greenwald erstmals eine Mail, beginnend mit den Worten „Es liegt mir sehr am Herzen, dass die Menschen sicher miteinander kommunzieren können“; und es läuft dann erst einmal alles andere als rund, wie Greenwald eingesteht. Er versäumt es, eben diese sicheren Kommunikationskanäle herzustellen, auf die Cincinnatus Wert legt und die er ihm anempfiehlt, und der in Rio lebende „Guardian“-Kolumnist, Investigativ-Journalist und Blogger Greenwald hat auch sonst viel zu tun. Erst als die mit ihm befreundete Dokumentarfilmerin Laura Poitras ebenfalls anonyme Mails von jemanden bekommt, der behauptet, Zugang zu Dokumenten höchster Geheimhaltungsstufe zu haben, Dokumente, aus denen hervorgeht, dass die USA ihre Bürger und den Rest der Welt umfassend bespitzele, wittert er die „Riesengeschichte“, die seit den Juni vergangenen Jahres die Welt in Atem hält und unser digitales Zeitalter auch als ein Überwachungszeitalter entlarvt hat.

Glenn Greenwald Foto: dpa-bildfunk
Glenn GreenwaldFoto: dpa-bildfunk


Das erste Material auf USB-Sticks, Snowdens Wunsch, sich in Hongkong zu treffen, Greenwalds Lektüre des NSA-Materials von Snowden auf dem 16-stündigen Flug nach Hongkong, die ersten Artikel, die Greenwald in Abstimmung mit dem Whistleblower und Poitras schreibt, die NSA-Verizon-Telefonüberwachungs-Geschichte, die PRISM–Story, das Hin und Her mit den Chefs des „Guardian“, die sich juristisch und bei Regierungsvertretern rückversichern müssen – all das liest sich tatsächlich von Seite zu Seite spannender, atemberaubender.

"Warum können wir nicht alle Daten sammeln, immer und jederzeit?"

Würde man es hier mit einem fiktiven Thriller zu tun haben, müsste man Greenwald dafür schelten, dass er es, ungefähr nach gut einem Drittel seines Buches, zu einem vermeintlich eklatanten Bruch kommen lässt. Dieser besteht darin, dass er im folgenden Kapitel über 100 NSA-Dokumente-, Zeichnungen- und Grafiken vorlegt und Einblicke in die Pläne und Strukturen des US-Geheimdienstes gibt. Aber die digitale Wirklichkeit und die der NSA folgen nicht den Gesetzmäßigkeiten von Spannungsliteratur. Greenwald geht es schließlich darum, nicht nur seine und Snowdens Geschichte zu schildern, sondern einmal mehr die gleichfalls atemberaubenden Überwachungsmöglichkeiten- und techniken der NSA im besonderen und aller Geheimdienste im allgemeinen zu offenbaren, vor den Gefahren der Massenüberwachung zu warnen. Und nicht zuletzt, da ist sein Buch vor allem voller Medienkritik, appeliert er an den politischen Journalismus, diesem Machtmissbrauch entgegenzuwirken und für Transparenz zu sorgen.

Greenwald erzählt im Vergleich zu den von ihm 2013 im „Guardian“ gedruckten NSA-Enthüllungsgeschichten nichts wirklich Neues, und doch ist sein Buch in seiner Kompaktheit und mit den vielen NSA-Folien- und Schautafeln ein Dokument des Grauens, eines im wahrsten Sinn des Wortes unfassbaren. Die Zahlen der gesammelten Datensätze sind das sowieso, sie gehen in die Milliarden, gar eine Billion, aber auch die Erfolgsmeldungen und Schulterklopfereien innerhalb der NSA; oder ein Schaubild von 2011, auf dem es explizit heißt, im Uhrzeigersinn: "Sniff it all. Know it all. Collect it all. Process it all. Exploit it all. Partner it all" getreu der notdürftig in eine Frage gehüllten Devise des bis Anfang 2014 amtierenden US-Geheimdienstchefs Keith B. Alexander: „Warum können wir nicht alle Daten sammeln, immer und jederzeit?"

Edward Snowden wird im Buch nicht zum Helden, aber immer mit Pathos zitiert

Umso länger man sich diesem hier dokumentierten Datensammelwahnsinn ausgesetzt sieht, desto drängender stellt sich allerdings die Frage: Was soll das alles? Was wollen die mit all dem Zeugs? Es zeichnet Greenwald aus, dass er das im folgenden diskutiert. Er zeigt auf, dass die Analysten diese vielen Daten gar nicht gewinnbringend studieren können; dass die Massenüberwachung gegenteilige Effekte zeitigt und die Entdeckung terroristischer Verschwörungen, die Verhinderung von Terroranschlägen eher erschwert. Er stellt dar, wie diese Sammelwut, die Gesellschaft und die politische Freiheit beschädigen. Und Greenwald schildert anschaulich das Problem mit der sogenannten Metadatenspeicherung. Metadaten sind zunächst nicht mehr als das, scheinen harmlos zu sein, doch mittels ihrer lässt sich jedoch ziemlich schnell ein höchst informatives Lebensprofil eines jeden Menschen zeichnen. Und durchaus frappant ist auch, darauf weist Greenwald gerade in seinem letzten Kapitel hin, wie eng in den USA Politik und etablierte Medien wie die „New York Times“, die „Washington Post“ oder die Fernsehsender miteinander verbandelt sind, mit was für Akzeptanzproblemen er und Poitras zu kämpfen haben, (wenn sie etwas nicht als Journalisten, sondern als „Aktivisten“ bezeichnet werden), und was für Anfeindungen überhaupt sie ausgesetzt waren und sind: „Die reflexartige Dämonisierung von Whistleblowern ist eine Methode, mit der die bürgerlichen Medien in den USA die Interessen der Medien schützen. Diese unterwürfige Haltung sitzt so tief, dass die Regeln des Journalismus ausgehebelt, zumindest aber dem angepasst werden, was der Vermittlung der Regierungsbotschaft dienlich ist.“

Edward Snowden Foto: dpa-bildfunk
Edward SnowdenFoto: dpa-bildfunk


Wer im Verlauf des Buches aus diesem mehr und mehr verschwindet, praktisch mit dem Beginn des NSA-Dokumentationskapitels „Alles sammeln“, ist der Held des ganzen, Edward Snowden. Greenwald hat bewusst darauf verzichtet, ein über die Maßen komplexes, feinfühliges Porträt des unglamourösen, eher blass und unscheinbar wirkenden, zuletzt auf Hawaii für eine Militärberatungsfirma tätigen Whistleblower zu zeichnen. Die von Greenwald zitierten Aussagen Snowdens bezüglich dessen Motivation und Weltbild haben etwas durchaus Pathetisches.

Von Überzeugungen, nach denen man handeln müsse, spricht Snowden; vom „wahren Wert des Menschen“, vom bedrohten Internet, dass es ihm ermöglicht hat, „Freiheit zu erfahren und mein Potential als Mensch auszuloten.“ Und schließlich, im Hinblick auf die Konsequenzen, die seine Enthüllungen noch für ihn haben können, die Aussicht, womöglich für den Rest seines Lebens in einem US-Gefängnis einzusitzen: „Ich kann mit allem leben, was sie mir antun werden. Das Einzige, womit ich nicht leben kann, wäre das Wissen, nichts getan zu haben.“


Wer solche Sätze als womöglich zu gut, zu heldenhaft empfindet, sitzt allerdings schnell der Verurteilungslogik von US-Regierungsstellen, der NSA und anderen Snowden-Gegnern auf, die den 30-jährigen als „Narzissten“ oder pathologisch ruhmsüchtig darzustellen versuchen. Insofern ist es nur richtig und geschickt von Greenwald gewesen, Snowden nicht ins Zentrum seines Buches zu rücken, ihn nicht selbst zu einer Story werden zu lassen. Genau das wollte Edward Snowden von Beginn an glaubhaft vermeiden. Ihm ging es, und dieses Buch hat da etwas sehr kongeniales, allein um die NSA und deren Bespitzelungsmethoden.

Greenwald zeigt sich am Ende geradezu verblüfft darüber, was für große, nachhaltige Auswirkungen die NSA-Enthüllungen hatten. Und doch mahnt er, dass „noch eine Menge“ zu tun ist, dass es gilt, sensibel und wachsam zu sein, es not tut, die Geheimdienste mit ihren eigenen Waffen zu bekämpfen und auszuspionieren. Verstecken ist nicht mehr, doch der Kampf um die Freiheit des Privaten muss unaufhörlich fortgesetzt werden.

Glenn Greenwald: Die globale Überwachung. Der Fall Snowden, die amerikanischen Geheimdienste und die Folgen. Aus dem Englischen von Gabriele Gockel, Robert Weiß, Thomas Wollermann und Maria Zybak. Droemer, München 2014. 366 S., 21 € Glenn Greenwald präsentiert sein Buch am Fr, 23. 5 in München, am Sa, 24.5. in Hamburg und am So, 25.5. in Berlin, 11 Uhr, Deutsches Theater

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