Kultur : Globalisierung: Verschiedene Welten

Maren Peters

Es gibt kaum eine bessere Zielscheibe für den Hass der Globalisierungsgegner: In der Eingangshalle des Waldorf Astoria glänzen mächtige Kronleuchter, gegenüber der Rezeption warten teure Juwelen auf Schickeria-Kunden. Die Präsidentensuite kostet hier 6500 Dollar - pro Nacht, in den flauschigen Betten haben schon die reichsten und mächtigsten Menschen der Welt geschlafen, darunter US-Präsidenten und das englische Königspaar.

Ab heute werden es noch mehr: Mehr als 3000 Chefs, darunter 1100 Top-Manager wie VW-Chef Ferdinand Piech, Siemens-Manager Heinrich von Pierer, Deutsche-Bank-Vorstand Josef Ackermann und andere wichtige Menschen aus Politik, Wissenschaft und Kultur, treffen sich noch bis Montag im New Yorker Nobelhotel zum Weltwirtschaftsforum. Viele von ihnen werden in einem der 1400 Zimmer des Waldorf Astoria schlafen.

New York als Symbol

Doch etwas stört die traute Atmosphäre, will nicht recht ins Bild passen: Schon Stunden vor Beginn der Veranstaltung haben sich Tausende von New Yorker Polizisten vor den Hoteltüren aufgebaut und das Nobelhotel in eine Festung verwandelt. Der Feind lauert hinter den Absperrgittern: Es sind Globalisierungsgegner. Sie haben Randale angekündigt.

Der 11. September. New York in Trümmern. Trauer, Schrecken weltweit. Es war der Tag, der alles verändern sollte, der die Welt näher zusammenrücken ließ. Und der auch dem diesjährigen Weltwirtschaftsforum seinen Stempel aufgedrückt hat. "Es ist das erste große Treffen von Entscheidungsträgern seit dem 11. September", sagt der deutsche Forumsgründer Klaus Schwab. Und es ist kein Zufall, dass das Treffen nicht, wie sonst, im schweizerischen Bergort Davos stattfindet, sondern in New York. Der Ort ist Symbol. Und auch das Motto des Forums: "Führerschaft in unsicheren Zeiten - eine Vision für eine ungewisse Zukunft." Schwab weiß, was er seinen Gästen schuldig ist. "Die Leute werden erwarten, hier eine Vision oder zumindest eine Vorstellung dessen zu bekommen, wie es weiter geht", sagt er. Es könnte sein, dass New York diese Vision schuldig bleiben wird.

Von der entschlossenen Euphorie nach dem 11. September ist fünf Monate später außer starker Rhetorik wenig übrig geblieben. Damals hatte US-Präsident George W. Bush die Welt zum Krieg gegen den Terror aufgerufen. Und versprochen, den armen Ländern mehr als bisher zu helfen - um mit der Armut auch den Terror zu bekämpfen. Es sah so aus, als meinte er es ernst: Bei der Welthandelskonferenz im Golfemirat Katar im November einigten sich die 144 Länder der Welthandelsorganisation (WTO) darauf, sich auf eine neue Welthandelsrunde einzulassen. Es war ein Signal, das sie der Welt schuldig waren. Sie einigten sich darauf, weiter über den Abbau von Handelsbarrieren zu diskutieren, die es vor allem den armen Ländern schwer machen, ihre Waren auf den Märkten des Nordens zu verkaufen.

Diese Themen werden auch New York dominieren. Diskutiert werden dürften neben dem parallelen Konjunktureinbruch in den drei wichtigsten Märkten der Welt - den USA, Japan und Europa - auch die schwere Finanzkrise Argentiniens. Das Land galt lange als Vorzeigemodell gelungener Wirtschaftsöffnung, wie sie die Mitglieder des Weltwirtschaftsforums fordern und fördern.

Doch die entschlossene Aufbruchstimmung nach dem 11. September ist Nüchternheit gewichen. Das dominierende "Eine-Welt-Gefühl" hat merklich unter dem Eindruck der Weltwirtschaftskrise und des Afghanistan-Kriegs gelitten.

Das ist das Thema der Globalisierungsgegner, die zu Protesten gegen das Treffen aufgerufen und einen Gegengipfel organisiert haben: Zum Weltsozialforum in der südbrasilianischen Stadt Porto Alegre werden rund 60 000 Vertreter von Regierungen, Gewerkschaften, Kirchen, Minderheiten und Nicht-Regierungsorganisationen erwartet. Das Motto: "Eine bessere Welt ist möglich."

Altes Misstrauen

Auch sie befassen sich mit den Auswirkungen des 11. September, vor allem mit dessen Auswirkungen auf die herrschende Weltwirtschaftsordnung. Weitere Themen sind der Kampf gegen Rassismus, die Verschuldung von Entwicklungsländern sowie die Reduzierung der Macht internationaler Finanzinstitutionen. Während die Industrieländer und Weltbank-Präsident James Wolfensohn die Welt aufruft, mehr privates Kapital in Entwicklungsländer zu investieren, starten sie einen Gegenangriff: Sie misstrauen privatem Kapital, weil das nur den Spendern Rendite bringe.

Der Hauptvorwurf: Zur Bekämpfung der Armut tragen weder die Treffen des Weltwirtschaftsforums noch die Weltwirtschaftsgipfel etwas bei. Außerdem habe niemand in der reichen Welt es ernst gemeint, als nach den Terrorangriffen gesagt wurde, nun werde ehrlich geteilt. Das zeige auch die Rede von US-Präsident Bush zur Lage der Nation, in der auf einmal die "Schurkenstaaten" wieder auftauchten. Iran, Irak und Nordkorea stehen wieder am Pranger - so, als habe es den 11. September nie gegeben. Prompt sagte der Iran seine Teilnahme am New Yorker Treffen ab. Aus Protest.

Das sind die denkbar schlechtesten Voraussetzungen. Nicht nur für die beiden Treffen an diesem Wochenende. Sondern vor allem für die neue Welthandelsrunde, die eigentlich doch als große Geste der Reichen an die Entwicklungsländer gedacht war.

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