Kultur : Globetrotter

KAI MÜLLER

Berlins Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz plant ein weitgespanntes Shakespeare-Projekt im "Prater", ihrer zweiten Spielstätte.Ein Zyklus aus acht Inszenierungen wird sich bis Ende 1999 den in Deutschland seltener gespielten Historien-Dramen unter dem Motto "Rosenkriege" widmen.Den Auftaktmacht Hausherr Frank Castorf am 6.Februar mit "Richard II.".Es folgt bis Mai jeden Monat eine weitere Inszenierung von wechselnden Regisseuren.So wird die ehemalige Volksbühnen-Schauspielerin Gabriele Gysi (eine Schwester des PDS-Politikers) den ersten Teil von "Heinrich IV." und Karin Henkel den zweiten Teil inszenieren, Mathias Brenner sich dann "Heinrich V." vornehmen und Johann Kresnik mit "Richard III." den Abschluß bilden.Castorf, der dazwischen das dreiteilige Mammutwerk "Heinrich VI." in Szene setzen will, nennt das Vorhaben "eine andere Form der Seifenoper": weil vor dem Hintergrund historischer Umbrüche eine blutige, von Leid und Tod geprägte Dynastie- und Familiengeschichte erzählt werde.Mit den Mitteln einer Theater-Serie möchten Castorf und seine Dramaturgin Andrea Koschwitz das ausufernde Figuren- und Handlungsgefüge "auf die dramaturgischen und historischen Grundlinien" verkürzen.Shakespeare schrieb die sieben Rosenkriegs-Dramen von 1590 bis 1599 zu Ehren Elisabeths I., deren Tudor-Regentschaft sich an die blutigen Auseinandersetzungen um die englische Krone zwar nicht unmittelbar anschloß, aber sie doch als Ursprungsmythos benutzen konnte.Sie spiegeln das Zerbrechen der mittelalterlichen Feudal-Ordnung in den Machtkämpfen der Herzöge Lancaster und York und erzählen von der Errichtung des englischen Nationalstaats .

Das geschichtsträchtige Kriegstableau wird äußerst selten in Angriff genommen.Während die Schlachten"Richard III." und "Heinrich IV." häufiger geschlagen werden, hatte die Rosenkriege als chronologischen Dramen-Zyklus auf deutschen Bühnen zuletzt 1976 Peter Palitzsch in Stuttgart realisiert.Die Volksbühne geht mit ihrem Projekt "an die Grenze dessen, was sie zu leisten imstande ist", wie Castorf auf einer Pressekonferenz bemerkte.So hat sein Bühnenbildner Bert Neumann eigens für die Rosenkriege im Prater ein dem shakespearischen Globe-Theatre nachempfundenes Theater im Theater errichtet.Der Holzbau des "New Globe" im Prater kann einhundert Zuschauer aufnehmen, die, in drei Geschossen und etwa dreißig separaten Logen um die Bühne plaziert, von oben auf die Schauspieler blicken.Die Logen werden mit Teppichboden ausgeschlagen und die Stühle der "Ersten Klasse" gepolstert sein.Die achteckige Arena, die von innen wie eine Zitadelle wirkt, soll an Shakespeares Volkstheater an der Themse erinnern, das den Ruhm des Dichters und seiner Company begründete, aber es soll darüber hinaus den unterschiedlichen Regie-Konzepten auch einen gemeinsamen Bezugsrahmen verleihen, innerhalb dessen sich das Theater "neu erfinden" kann.Castorf bemerkte, daß die Schauspieler vor ungewohnte Probleme gestellt würden, da sie einem Publikum, das sich über ihnen befinde, nicht ins Gesicht spielen könnten.Er zeigte sich zuversichtlich, daß die neue Spielstätte vom Publikum der Volksbühne angenommen werde.

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