Kultur : Glosse: Falle in Halle

Das Land Sachsen-Anhalt hat 1 357 640 weibliche Einwohner, 1 283 751 männliche und 23 europäische Vogelschutzgebiete. Kühn gefolgert, kann das nur heißen, dass die allgemeinen Rahmenbedingungen für Lyrik günstig sind - von wegen Natur und Frauenüberschuss und so. Zur genauen Evaluierung, auch was die Standortfaktoren für Prosa betrifft, wird es so schnell allerdings nicht kommen. Denn von den möglichen Ergebnissen der Produktion ist außerhalb der Region nicht viel bekannt. Klaus Michael, der Präsidialsekretär der Sächsischen Akademie, hat ganz Recht, wenn er darüber klagt, dass zumal die Bekanntheit von Nachwuchsautoren oft schon an der Stadtgrenze haltmache. Im fernen Berlin kommt gerade mal die lesenswerte Dresdner Zeitschrift "Ostragehege" an. Man sollte Klaus Michael, der ebenfalls nicht ganz zu Unrecht mutmaßt, dass dahinter allgemeine Vermittlungsprobleme für ostdeutsche Literatur stecken könnten, jetzt nicht damit kommen, dass es im Hauptstadtdorf durchaus seine Vorteile haben kann, wenn hier der eine oder andere Dichter für immer in Steglitz versauert. Man sollte Michael beim Versuch, bis zum Jahr 2004 eine Internetdatenbank für sächsische Literaten einzurichten, aber wenigstens vor Vollständigkeit warnen.

Es ist die Ungerechtigkeit der Welt, dass ein fünftklassiger Stuckrad-Barre-Klon, der sich in Berlin auf den richtigen Parties herumtreibt, bessere Karrierechancen hat als eine erstklassige Sarah-Kirsch-Imitation in Halle. Doch das hat nur mit den Umschlagplätzen von Literatur zu tun und nichts mit ihrer schwindenden lokalen Prägung, die immer noch als Voraussetzung on Weltliteratur angesehen wird. Man rühmt sich nicht mehr unbedingt seiner fränkischen oder schwäbischen Herkunft - außer man heißt Fitzgerald Kusz oder Walle Sayer - oder man kommt wie Arnold Stadler aus dem badischen Geniewinkel Meßkirch. Die Metropolen haben immer von der Provinz gezehrt: Nicht zufällig leben die beiden berühmtesten sächsischen Dichter, Durs Grünbein und Ingo Schulze, in Berlin. Trotzdem: Deutschland ist offen für Entdeckungen, und die Einheit wäre perfekt, wenn der nächste Literaturnobelpreisträger beispielsweise aus Magdeburg käme.

P.S.: Nächste Woche schreiben wir vielleicht eine ähnliche Glosse - nicht über Sachsen, sondern über Niedersachsen.

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