Kultur : Glosse: Kugelblitze

"Deutschland ist Hamlet", befand im 19. Jahrhundert Ferdinand Freiligrath, der Freiheitsdichter und "Revolutionstrompeter", wie er sich selber nannte. Auch Hölderlin sah in Herrn Hamlet die Verkörperung des deutschen Wesens, so "tatenarm und gedankenvoll". Trotz seines britischen Ursprungs: Shakespeares Dänenprinz gilt als deutsche Nationalfigur: ein melancholisch veredelter Kollege des faustischen Menschen. Modernere Denker sehen in ihm zudem einen Spezialfall des Ödipus-Komplexes: einer, der an Stelle des bereits getöteten Vaters den Onkel killt, sich gleichsam doppelt rächt an seiner Mutter zweitem Mann.

Hamlet bringt im "Hamlet" zwei alte Schulfreunde, einen Kammerherrn, den besagten Onkel und den Bruder einer fast Geliebten um - und treibt diese zuvor in den Selbstmord. Darüber hinaus inszeniert er als Stück im Stück noch einen Krimi namens "Die Mausefalle" und macht die Szene zum Tribunal. Tatenlos? Merkwürdig ist es doch, dass diesem hyperaktiven jungen Mann immerfort der Ruf des Zaudernden anhängt. Sprechen wir von einer "hamletischen Natur", dann meint das einen ziemlich Handlungsschwachen, umflort von elegischer Unentschlossenheit. Neumodischer gesagt: ein Nichtentscheidungsträger.

Plötzlich aber sollen die Deutschen, ausgerechnet sie (ausgerechnet wir, die Alltagshamlets), zu handeln anfangen. Und auf den Tag, als letzte Woche in Deutschland das fast 70 Jahre alte Rabatt(verbots)gesetz fiel, wurde bei den Berliner Festspielen ein neuer "Hamlet" bejubelt: Peter Brooks junger, rastalockiger Anglo-Karibe Adrian Lester, der aussieht, als sei der schöne schwarze Tennisspieler Yannick Noah nun als Theaterspieler wiedergeboren worden, er zeigt die Prinzen-Rolle in Gestalt einer charmant gefährlichen Raubkatze: als einen vom Witz zur Wehmut, von der Philosophie jederzeit zur Tat schnellenden Zauberer. Kein Zauderer. Hamlet handelt, er ist ein Revolteur.

Als Revolteure gelten die Deutschen im allgemeinen nicht. Aber der Fall des Rabattgesetzes bedeutet eine kleine Revolution. Denn jetzt, wo im Handel tatsächlich gehandelt werden soll, wird der Einkauf womöglich zum Theater. Es bedarf der Schauspielerei - auf beiden Seiten. Was Akademien und Unternehmensberater nunmehr als psychologisches "Preis-Stabilitäts-Training" für Verkäufer anbieten, ist in Wahrheit: Schauspielunterricht. Der Verkäufer muss dabei vor allem zwei Rollen lernen: die verfolgte Unschuld - bei den zu erwartenden Attacken auf seine ausgezeichneten, am Rande der Selbstlosigkeit kalkulierten Preise. Und wenn er am Ende doch etwas nachgibt, dann spielt er den großherzigen Spender und malt mit reicher Geste seine drohende Verarmung an die Wand. Aber auch König Kunde muss den Verkäufer nunmehr zum Narren halten: bei der begehrten Ware zuerst Desinteresse zeigen, die eigenen finanziellen Möglichkeiten unterspielen und hinter der Fassade von Preis, Wert und Verkäufermiene zwischen Schein und Sein unterscheiden. Was ist der wahre Preis und was der Preis der Wahrheit? Auch der Basar ist eine Bühne und ein Spiel.

Hamlet fragt: "To be or not to be" - worauf der wunderbare Schlegel bei seiner Übersetzung 1798 aus dem schieren "nicht sein" das philosophisch bedeutungsvolle "Nichtsein" machte. Was zeigt, wieviel teutscher Tiefsinn nur einem leichten Missverständnis entsprang. Bei der Seins-Frage geht es ganz praktisch und nicht existenzphilosophisch um "leben" oder "sterben". Hamlet entscheidet sich gegen den Selbstmord - und handelt. Also heißt Leben auch Handeln. Und weil dies eine Kugelblitz-Glosse ist - vom Prinz zum Preis - hat hier das letzte Wort ein legendärer unbekannter Graffitti-Sprayer aus der Londoner U-Bahn, der unser vielgestaltiges Thema mit Hilfe dreier großer Geister aufs schönste zusammenführt:

"To be is to do" (Nietzsche).

"To do is to be" (Sartre).

"Do be do be do" (Sinatra).

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