Glosse: Was sind Paraben? : Vogel frei

Gunda Bartels seift sich beim Duschen mit Wortwirrwarr ein.

Gunda Bartels

Morgens halb sieben in Deutschland. Die Brause spendet Tropenregen, die Hand greift zum Duschgel. Jetzt bloß nicht hinschauen. Fliesen zählen, Heinz-Erhardt-Gedichte rezitieren, Kirchenlieder singen, aber bloß nicht beim Applizieren des Gels auf die Flasche starren. Sonst rattert an jedem Morgen, den Gott werden lässt, die gleiche garstige Wortschlange, die gleiche dusselige Assoziationskette los. Verflixt, schon ist es passiert. Kurz hingeguckt und das Wort beißt sich wie Creutzfeldt-Jakob ins Gehirn. Es lautet „parabenfrei“. So steht es blau auf weiß auf der Flasche. „Parabenfrei“!

Was in aller Welt bedeutet das? Klar, ein Duschgel ohne Paraben. Und? Die Information bringt einen keinen Deut weiter. Wenn schon etwas nicht im Duschgel ist, will ich wenigstens wissen, was! Mal das Wort auf Sinneinheiten zerlegen. „Pa“, die Silbe klingt französisch, zwar schreibt sie sich dann „pas“, wie in „ne ... pas“ also „nicht“, doch wer wird schon mit Duschgel in den Augen Korinthen zählen. Also angenommen, das „pa“ steht für Verneinung und bedeutet „kein“, heißt Paraben „keine Raben“. Toll. Das hoffe ich doch schwer, dass im Duschgel keine Raben sind.

Raben, Raben, da gibt’s doch das Märchen von den sieben Raben. Nein, das waren ja die sieben Schwaben. Oder doch die sieben Raben? Die Biester jedenfalls, die da morgens bei mir im Hinterhof keckern, sind Elstern, keine Raben. Und in Prenzlauer Berg wohnen mehr als sieben Schwaben. Das hätten nur ganz böse, intolerante Menschen gerne schwabenfrei. Von rabenfrei gar nicht zu reden. Gegen Schwaben was haben, geht ja schon nicht, aber dann auch noch gegen Raben? Denen schicke ich Edgar Allen Poe auf den Hals mit seinem düster krächzenden Raben. Der bringt zwar endlich Kulturgut ins windige Wortspiel, führt aber sonst wenig weiter. Die Spur der Raben versandet auf totem Gleis.

Vielleicht hilft der vordere Wortteil weiter. „Para“, hm, wofür mag das stehen? Die Proseminare Linguistik eins und zwei sind leider auch schon ein paar Tage her. Para, para, heißt das womöglich „pseudo“ oder „falsch“? Paramilitärs sind irreguläre Truppen. Doch was eint die Worte Parabolspiegel, Parallele, Paranuss, Paravent? Ha, Paravent, das ist doch eine Art falsche Wand. Dann heißt „para“ also wirklich falsch und „parabenfrei“ bedeutet frei von falsch. Frei von falsch! Das sollte wirklich jedes Duschgel sein und am besten gleich jeder Mensch. Obwohl, verdammt, da ist eine Silbe übergeblieben: „ben“ ist über. „Ben, ben“ – Gottfried Benn, Ben Kingsley, Hadschi Halef Omar Ben Hadschi Abul Abbas Ibn Hadschi Dawuhd al Gossarah. Der Tropenregen rinnt achtlos in den Ausguss, Dauerduschen gefährdet das natürliche Klima der Haut, wer fragt danach? Ich kann meinen Karl May noch!

Gestern Abend in der Apotheke: Auf dem Tresen preist ein Aufsteller „Unvergessliche Augenblicke“ mit einen bestimmten Eyeliner an. Groß daneben der Aufdruck: „parabenfrei“ und „frei von Mineralöl“. Hilfe, die Paraben der Hölle flattern giftig krächzend herum und reißen Fetzen aus dem Hirn, das nachts nachwächst, um jeden Morgen unter der Dusche gefressen zu werden. Was sind Paraben? Ich nehme jeden sachdienlichen Hinweis an! Immerhin: Auf Mineralöl verzichten sie. Mehr, als man von Schwaben sagen kann.

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