Kultur : Glück à la provençale

Eckart Schwinger

Im Nu erspielte es sich die Sympathie des Publikums im kleinen Konzerthaus-Saal: das hier zu Lande bislang unbekannte Jerusalem String Quartett. 1993 gegründet, gewannen die Musiker den Ersten Preis beim Grazer Wettbewerb "Franz Schubert und die Musik des 20. Jahrhunderts". Sogleich bei Haydns D-Dur-Streichquartett op. 76 Nr. 5 nahm der expressive und zugleich samtweiche Schönklang der mit großem Ernst musizierenden Künstler für sich ein. Selbst bei schärferen Klangattacken oder schmerzlich-melancholischen Einfärbungen, wie beim abgründigen fis-Moll-Adagio im Haydn-Quartett, geben sie niemals ihren südländisch leuchtenden Klangstil preis. Die bestens ausgebildeten Streicher mit dem Primarius Alexander Pavlovsky, der über einen besonders farbintensiven Ton verfügt, korrespondieren nachtwandlerisch sicher miteinander.

Darius Milhauds launiger Streichquartetterstling op. 5, ein Werk, das Paul Cézanne gewidmet ist, erklang anschließend mit übersprühender Fantasie und gleißendem Farbreichtum, mit allerlei rhythmischen und agogischen Finessen, mit schwebender Zartheit und dezentem Sentiment. Man konnte es hören, ja geradezu sehen, dass Milhaud und Cézanne in der Provence verwurzelt sind. Das war ein zauberisches Spiel, das auch ein bisschen die Seele umschmeichelte und zum besonderen Glückserlebnis dieses Konzertabends geriet.

Den ersten beiden Sätzen des schwierigen a-Moll-Quartetts op. 132 von Beethoven fehlten noch die übergreifende Konzentration und Überredungskraft. Aber der berühmte dritte Satz mit dem "Heiligen Dankgesang" kam in dem anrührend-ruhigen Cantabile äußerst intensiv herüber. Und das heikle Presto-Finale hatten die mit reichem Applaus bedachten Quartettspieler aus Jerusalem mit ebenso variablem wie wagemutigem Vorwärtsdrang im Griff.

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