Kultur : Glück gehabt

Ein furioser Auftakt des Berliner Theatertreffens mit Müllers „Titus“

Peter von Becker

Die Politik mache heute ja keinem mehr Spaß, und die Welt, wohin man blicke, sei voller Katastrophen, sagte Christina Weiss nach der Eröffnungsvorstellung des 41. Theatertreffens im Berliner Festspielhaus; da wolle sie als Kulturstaatsministerin und Theaterzuschauerin nun endlich einmal von etwas ganz anderem sprechen: vom Glück.

Hiervon rede fast keiner mehr, dabei gebe das Glück, das selbst in der amerikanischen Verfassung steht, allem Leben erst einen Sinn. Wer aber zum Beispiel ins Programmheft des Theatertreffens schaue, der finde das Wort „Glück“ kein einziges Mal. Stattdessen verstehe sich das Theater nur noch als „letzte Tankstelle vor der Wüste“. Da spitzten nun alle Festspielgäste beim abendlichen Empfang die Ohren. Die Pointe indes war eine ganz andere als die erwartete. Dazu aber müssen wir vom Anfang an erzählen. Mit der Hauptsache beginnen, mit dem Theater.

Heiner Müllers vor 20 Jahren entstandenes Drama „Anatomie Titus Fall of Rome Ein Shakespearekommentar“ verkündet schon mit dem ersten Vers „Ein neuer Sieg verwüstet Rom/Die Hauptstadt der Welt“. Und weil der Text als „Kommentar“ nicht nur eine Umdichtung des elisabethanischen Schauerdramas von „Titus Andronicus“ ist, sondern eine Mischung aus Mythos, Historienstück und Science Fiction, meint „Rom“ hier weniger die Hauptstadt der antiken Welt, vielmehr auch das neue Rom: Amerika, New York. Es sind zwar die barbarischen Goten, die sich hier mit den (ebenso kruden) Römern wechselweise in Koalitionen und Kriegen befinden, aber weil da jeder Terror neuen Terror zeugt, wirkt Müllers Stück seit dem September 2001 und dem Irak-Krieg wie eine höllisch hellsichtige Ausgeburt der Jetztzeit.

Das war die erstaunliche Erfahrung mit einer erstaunlichen Inszenierung zum diesjährigen Theatertreffen-Auftakt. Der Holländer Johan Simons und sein Bühnenbildner, der ingeniöse Bert Neumann von der Berliner Castorfbühne, bieten zusammen mit dem Ensemble der Münchner Kammerspiele zunächst eine riesige Ernüchterung. Bei vollem Saallicht sitzen die Spieler den Zuschauern ihrerseits in Theatersitzen gegenüber. Im Hintergrund läuft ein Live-Video von der Straße und dem Vorplatz des Festspielhauses; in der Münchner Maximilianstraße sind das die Bilder der teuren Edelboutiquen direkt neben den Kammerspielen und gegenüber dem Schickilokal „Roma“ – in Berlin nun weicht der Neureichtum „Roms“ dem schieren Zeichen: der Schauplatz ist hier, wo wir sind. Und aus einer träumerisch-alpträumerischen Lethargie der in halb grotesken Alltagsklamotten dösenden Akteure erhebt sich das Spiel, wächst der Text als immer spannendere, immer dichtere Choreographie der Mienen und Körper, der Stimmen und Sätze. Bis die ganze Bühne kippt und das Theater durch einen fabelhaft einfachen Trick auch mit der Apokalypse spielt.

Es ist, als sei das die Quersumme aus frühem Grüber und spätem Marthaler, eine öffentliche Lektüre, die zum dramatischen „Kommentar“ wird, wie ihn Müller verheißt. Blut, Runst und Brunst des Textes werden nie aufgeblasen illustriert, ein Augenschließen ist schon ein Mord, die Hände in der Anoraktasche sind Zeichen genug für das Gliederabhacken. Und der Schweizer Schauspieler André Jung, der den Titelhelden mit einem Blick, einer Stimmnuancierung, einer Kopfbewegung im Kopf des Zuschauers als Barbar und Biedermann (als Zeitgenossen) entstehen lässt, ist grandios, voll lauerndem Furor, voll leiser Trauer über den eigenen Horror. Müllers vor 20 Jahren mitunter so aufdringlich herbeizitierte Drittwelt-Exotik und die Metaphorik des Aufstands der Wüste gegen die Städte – plötzlich Gespenster der Gegenwart. Diese außergewöhnlich intelligente, puristisch reiche Aufführung von Johan Simons gleicht einem szenischen Echolot: Reflexion der Theatermittel in einer Bilderwelt der nicht mehr virtuellen Gewalt; Reflexion auch einer von Shakespeare bis Heiner Müller, von Titus bis Osama vielfach gebrochenen Geschichte. Am Ende langer Beifall, man spürte: ein Ereignis.

Und die Kulturstaatsministerin. In ihrer Eröffnungsrede nach der Eröffnung sprach sie vom Glück. Vom Theaterglück. Sprach aber zur Verblüffung nur vom Theaterintendanten Frank Baumbauer 1994 in Hamburg und ihren Gefühlen einst als hanseatische Kultursenatorin. Doch kein Wort zu diesem Abend – wo derselbe Baumbauer jetzt als Münchner Intendant mit seinen Künstlern vor ihr stand. Schon auf der Bühne hatte ihnen keiner mit einem Wort oder auch nur einem Blumenstrauß gedankt. Dabei war dieser Auftakt von den Festspielen eine kühne, kluge Entscheidung. Aber die Kulturstaatsministerin hatte das Glück des Abends – verkannt.

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