Kultur : Glück geht durch den Magen - Hito und Hiro servieren Reissuppe zu ihrer Musik

Philipp Lichterbeck

"Suki Suki", "Kuru Kuru" oder "Fuwa Fuwa Goldfish" heißen ihre SessionsPhilipp Lichterbeck

Hitomi und Hirofumi gähnen, sie haben die ganze Nacht hinter den Plattentellern gestanden. Doch ihrer Freundlichkeit kann die Müdigkeit nichts anhaben: eine leichte Verbeugung, ein Lächeln, die Einladung zu einer Tasse grünem Tee. Die beiden Japaner beherrschen die Sprache der Gesten perfekt, da fällt es kaum auf, dass sie nur ein bisschen deutsch sprechen. Hito fasst den Besucher sanft am Arm, um ihr kleines Zimmer am Prenzlauer Berg zu zeigen. Japanische Tütensuppen fliegen durch den Raum, in einer Ecke stapeln sich französische Modezeitschriften, auf der Couch liegt ein Haufen rosa T-Shirts, die mit Mangas bedruckt sind. Als Hito auf die Plattensammlung zeigt, die in einer langen Reihe an der Wand lehnt, sagt sie: "Unser Schatz". Die Schallplatten sind das Kapital der beiden 25-Jährigen. Gepaart mit einem phänomenalen Charme hat sie ihnen das Tor in den Berliner DJ-Himmel weit aufgestoßen.

Vielleicht ist die Geschichte von Hitomi und Hirofumi der Beweis dafür, dass Berlin langsam jenen weltstädtischen Charakter annimmt, der oft beschworen wird. Letzten Sommer kam das Pärchen aus Osaka nach Berlin, um Ferien zu machen. Nur ein paar Wochen wollten sie bleiben. Dann aber trafen sie ausgerechnet im "Berlin-Tokyo"-Club einen alten Bekannten, der sie mehrere Wochen auf seinem Sofa schlafen ließ und ihnen Kontakte zu Veranstaltern verschaffte. Nach ihrem ersten Auftritt in der "Maria am Ostbahnhof" ging dann alles ganz schnell, und ein Engagement folgte dem nächsten. Der Exoten-Bonus, den Asiaten in Berliner Künstlerzirkeln genießen, war dabei wohl nicht ohne Bedeutung.

Mittlerweile wohnen Hito und Hiro seit mehr als einem halben Jahr in Berlin, und jeder Club, der etwas auf sich hält, hat sie gebucht: vom "Sage Club" über den "Roten Salon", das "Delicious Doughnuts", den "Bastard" bis zum "Kunst und Technik". "Wir versuchen auf Stimmungen zu reagieren und experimentieren ein bisschen" beschreibt Hiro ihre Partytaktik. "Freestyle" nennt man, was sie aus japanischem Pop, Asian Beat, Easy Listening, Breakbeat und House kreieren. "Suki Suki", "Kuru Kuru" oder "Fuwa Fuwa Goldfish" betiteln sie ihre Sessions. "Eigentlich sind wir Musiker", sagt die bildhübsche Hito und lacht schüchtern. Oft kommen Gäste auf sie zu, um ihnen für

die nette Party zu danken - ungewöhnlich in der kühlen Berliner Nachtwelt. Oder sie werden um musikalische Unterstützung für Vernissagen und Off-Theaterproduktionen gebeten. Seit neuestem rühren sie nicht nur am Plattenteller sondern auch im Kochtopf. "Cocolo" heißt die Nudelbar gleich am U-Bahnhof Weinmeisterstraße in Mitte, wo Hito, Hiro und ihre Freunde samstags und sonntags japanische Suppen servieren. In riesigen Schalen, mit Stäbchen und natürlich mit Musik.

Neben den nächtlichen Auftritten, steht Hito Model für Fotografen oder moderiert Werbefilme über Berlin, die in Japan gezeigt werden. "No music, no life", sind ihre wöchentlichen Termin-E-mails betitelt. Wenn ihr Touristenvisum nach drei Monaten abläuft, fahren Hito und Hiro nach Frankfurt, überqueren die Oder und lassen sich bei der Wiedereinreise aus Polen ein neues Visum in den Pass stempeln. "Wir werden bald ein Künstlervisum beantragen", erzählt Hito, "aber eigentlich arbeiten wir ja gar nicht. We just try to make people happy."Hito und Hiro legen auf: jeden Di im Delicious Doughnuts; heute um 21 Uhr in der Kalkscheune und um 23 Uhr im Icon. Jeden Sa und So ab 19 Uhr: Nudelsuppe & Musik im Cocolo, Münzstraße, Ecke Neue Schönhauser (Mitte)

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