Kultur : Glück im Glas

Berlins originellste Kunstsammlung ist ein Geheimnis. Jetzt zeigt sie ihre Schätze. Was sind die Highlights?

Nicola Kuhn

FOTO: FRANK THIEL S

SOLDATENBILDER

Kein anderes Kleidungsstück ist so in Misskredit geraten. Der Fotograf Frank Thiel hat mit der Serie „Die Alliierten“ das Verhältnis von Uniform und den darin steckenden Individuen in 160 Aufnahmen untersucht. Kurz bevor die Truppen der einstigen

Siegermächte 1994 Berlin verließen, durfte der 1966 in der DDR geborene Künstler in die Kasernen. Die frontal vor weißem Hintergrund aufgenommenen Brustbilder zeigen junge Soldaten in ihren Ausgeh-

uniformen. Porträts sind es nicht. Uniformen sollen etwas sagen über die

Nation ihrer Träger. Doch die so Gewandeten

verschwinden darin. Thiel hat pro Nation zehn großformatige Farbabzüge ausgewählt und zu vierteiligen Tableau s kombiniert – zwei davon zeigt nun die Berlinische Galerie. Wer trotzdem etwas wiedererkennen sollte: Die Fotos eines Russen und eines Amerikaners hängen auch open air am Checkpoint Charlie . Michael Zajonz

MALEREI:

EMILIO VEDOVAS

BERLINER TAGEBUCH

Dass jemand auf einer Reise ein Tagebuch beginnt, ist nichts

Ungewöhnliches. Dass

dieses Tagebuch aus wild bemalten, chaotisch im Raum verteilten Holzbrettern besteht und einen

ganzen Saal füllt, dürfte eher die Ausnahme sein. Als der Venezianer Emilio Vedova (Jörn Merkert:

„die europäische Antwort auf Jackson Pollock “), im

Januar 1964 nach Berlin kam, schrieb er: „Ich möchte eintauchen in den Geist dieser Stadt, ihr

Bewusstsein erfassen, ihre dramatischen

Widersprüche.“

Vedova war fasziniert von dem „frenetischen Pulsschlag“ Berlins und von seiner „Zerteilung in einem Raum starker Überlebenskraft“ – und lieferte mit diesen Sätzen selber die wohl beste Beschreibung seines „Absurden Berliner Tagebuchs“ . Seit 2002 gehört Vedovas Hauptwerk als Schenkung der Berlinischen Galerie, die nun endlich den Platz zur Präsentation hat. Ulrich Clewing

DADA: HANNAH HÖCH

Sie war die einzige Grande Dame des Dada. Auch 85 Jahre nach ihrem „Schnitt mit dem Küchenmesser durch die letzte Weimarer Bierbauchkulturepoche Deutschlands“ ist die Faszination für Hannah Höch ungebrochen. Sogar Heldin eines liebevoll illustrierten Kinderbuches ist die Pionierin der Collage geworden („Fünf Treppen zum Dach“, Borstelmann & Siebenhaar). Lange stand sie im Schatten ihrer männlichen Kollegen. Erst 1971 wurde sie wiederentdeckt. Nach ihrem Tod im Jahr 1978 konnte die Berlinische Galerie das umfangreiche Archiv der Künstlerin erwerben: zwanzig laufende Meter an Skizzen, Zeitungsausschnitten und Briefen. Katrin Wittneven

SKULPTUR: SVETLANA KOPYSTIANSKYS

„BIBLIOTHEK“

Der Turmbau zu Babel kommt sofort in den Sinn, wenn man vor dem riesigen runden Bücherregal steht, dessen Bände weder herauszunehmen noch zu lesen sind. Im Jahr ihres Umzugs nach Berlin – 1990 kam die Künstlerin auf Einladung des daad zusammen mit ihrem Mann Igor aus Moskau und blieb – entstand diese unbenutzbare Bibliothek. Sie wird von einem Mann bekrönt, der wie ein Diskuswerfer Bücher um sich zu schleudern scheint. In Kopystiankys Installationen geht es stets um den Wert von Kultur, die sich in Schrift verdichtet. Unlesbare Bücher sprechen da Bände.

Er wird nicht vorausgesehen haben, was für eine Lawine er da losgetreten hat. Als Bundespräsident Horst Köhler Anfang September im Roten Rathaus seinen Antrittsbesuch machte und, angeregt von dem MoMA-Erfolg, eine „Highlight“-Ausstellung der Berliner Museen unter dem Titel „Best of Berlin“ forderte, schlugen die Wogen der Zustimmung wie der Ablehnung hoch. Der ehemalige Kultursenator Christoph Stölzl sprang in die Bresche: „Die beherrschende Rolle der Berliner Kultur Ende des 19. Jahrhunderts bis 1933 interessiert die ganze Welt – vom Bauhaus bis zur Malerei.“

Zufall oder nicht – nur wenige Wochen später eröffnet nun ein solches Museum. Ab Donnerstag präsentiert die Berlinische Galerie nach sieben Depot-Jahren im neuen Haus in der Alten Jakobstraße endlich wieder ihre Sammlung. Gemälde, Grafiken, Skulpturen, Architekturentwürfe aus der genannten Epoche und darüber hinaus bis zur Gegenwart sind dort zu sehen: Max Liebermann, Lesser Ury, „Brücke“-Künstler, Expressionisten, die nach Berlin emigrierten Konstruktivisten sind mit bedeutenden Beispielen vertreten und lassen die brodelnde Energie Berlins zur damaligen Zeit erahnen. Die Neuanfänge der Nachkriegszeit, die wilde Rückkehr der Malerei in den Achtzigern und die vielen Impulse durch Berliner Gastkünstler aus aller Welt während der Mauerzeit erweitern das Panorama des 1975 gegründeten Stadtmuseums, das während seiner strapaziösen Standortsuche fast von der Bildfläche verschwunden schien.

Nun aber kehrt es furios zurück und kann endlich zeigen, was es besitzt, mehr ausbreiten als je zuvor, als die Sammlung noch in der ehemaligen Kunstbibliothek und danach im Gropius-Bau residierte. Das zum Ausstellungshaus umgebaute Glaslager erweist sich als brauchbare Museumsbox. Naum Gabo, Hannah Höch, Ed Kienholz, Emilio Vedova, Svetlana Kopystiansky und Frank Thiel, die wir hier als unsere Favoriten vorstellen, kommen dort endlich zur Geltung. Best of Berlin, das haben wir längst. Nicola Kuhn

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben