Kultur : Glückendes Innehalten in der Zeitvernichtung

In seiner Dankesrede zum Georg-Büchner-Preis singt Wilhelm Genazino das Hohelied der Langeweile

Ulrich Rüdenauer

Wie wird wohl der Fotografien-Sammler Wilhelm Genazino die Fotos lesen, auf denen er selbst vor, während und nach der Verleihung des Georg-Büchner-Preises zu sehen ist? Kann er darin eine kuriose Mischung aus Erstaunen, freudiger Erregung und Widerstreben entdecken? Wird er sein Lächeln als verlegen interpretieren? Oder als Symbol eines Zwiespalts zwischen sich und dem Publikum, der im Augenblick der Ehrung durch die Akademie für Deutsche Sprache und Dichtung eigentlich aufgelöst sein sollte? Muss der öffentlichkeitsscheue Autor die öffentliche Person, die er darzustellen gezwungen ist, als Ausdruck jener Unheimlichkeit der Leere interpretieren, die in seinem schriftstellerischen Werk wie in kaum einem anderen erkundet wird?

Auch in Darmstadt beschäftigte Genazino diese Leere. In seiner Dankesrede gelang es ihm – wie in seinen Romanen – eindrucksvoll, eine leicht schwebende Balance zwischen unaufdringlicher Komik, sehnsuchtsvoller Distanz zu den Seltsamkeiten der Welt und anrührender Nähe zu den Dingen herzustellen. Und das alles, wie Kulturstaatsministerin Christina Weiss in ihrer Ansprache betonte, mit einfachem Vokabular und schärfster Beobachtungsgabe. Lauscht und liest man Genazino, spürt man plötzlich die Wunderlichkeit des Normalen, das einem zuerst banal, dann aber spannend erscheint.

Der Literaturkritiker Helmut Böttiger bezeichnete diesen Effekt in seiner Laudatio als das „eigentümliche Genazino-Wunder“: Es lasse sich nicht so recht fassen, wie der geehrte Autor es schaffe, peinlich genau die Lächerlichkeit des Alltags zu schildern und dem Leser trotzdem das Gefühl zu geben, „dass das Leben eigentlich ganz schön ist“. Das Wunder habe – natürlich – mit dem Wunder der Literatur zu tun, das nicht nur Genazino selbst, sondern inzwischen auch seine Figuren ereilt. Die Helden seiner Bücher finden sich in der Kunst wieder, sie sind Beobachter ihrer selbst – und ihres Scheiterns. Genazino glückt es, so Böttiger, die alte Spannung zwischen Literatur und Leben aufrecht zu erhalten.

Der Laudator beschrieb das prägnant mit einem aus dem öffentlichen Diskurs fast schon verbannten Wort: „Wilhelm Genazino betreibt Subversion.“ Dazu gehört auch, dass er die „Psychogeschichte der Republik“ offenbare, und zwar wie nebenbei und von unten, hob Böttiger in seiner der Poetik Genazinos sensibel nachforschenden Rede hervor: „Seine Romane sind von Anfang an dem Unbewussten auf der Spur, das dieser Gesellschaft zugrunde liegt.“

Vielleicht geschah es nicht ganz unbewusst, dass Böttiger vom „Genazino-Wunder“ sprach und sich so terminologisch in religiösen Gefilden aufhielt. Der Preisträger, metaphysischer Tendenzen in seinem Schreiben ziemlich unverdächtig, folgte in seiner Rede diesem Ausflug ins Mystische: „Die Beharrlichkeit der Literatur, ihr unerschütterliches Moment, ist selber quasi religiös.“ Sowohl beim Schriftsteller als auch beim Betenden wirke die Zuversicht, durch das Schweigen hindurch gehört und sogar verstanden zu werden. „Und bei beiden ist eine Einsicht in die Vergeblichkeit ihrer Anstrengungen vorhanden.“ Aber, das zum Trost, es kümmert sie nicht.

„Der Untrost und die Untröstlichkeit der Literatur“ überschrieb Genazino seine zwischen Beobachtung und Reflexion changierende Rede. Beides, Untrost und Untröstlichkeit, hat mit einem (Auf-)Begehren zu tun, das aus der Kindheit stammt, aus Erinnerungen gespeist wird, unerfüllt bleibt und mit der desillusionierenden Erfahrung der Wirklichkeit zusammenhängt – dem unaufhebbaren Riss zwischen Ich und Welt. Aus dieser Erfahrung „entspringt die Nötigung verändernden Denkens. Die Abwehr der Nötigung führt zum Konflikt mit ihr und, wenn der Genötigte ein Schriftsteller ist, zur Literatur.“

Wilhelm Genazino ist ein Schriftsteller, seine Literatur trägt diese Konflikte aus – und ein Wunschmoment in sich. „In jedem Buch steckt die Einsicht in einen Mangel. In der Literatur – und nur in der Literatur – überlebt die Sehnsuchtswirtschaft der Menschen. Sie ist unsere palliative Heimat.“

Der „unbändige Komödiant mit barmherziger Seele“, wie Genazino von Akademie-Präsident Klaus Reichert charakterisiert wurde, ist immer nah an der Pein und Peinlichkeit, der Scham und den kleinen Freuden seiner Figuren dran. Sie suchen Antworten auf die Frage: „Wie verhalten wir uns zu den Abgründen unseres Scheiterns?“ Weil sich auch Georg Büchner diese Frage gestellt hat, ist er bis heute modern geblieben, sagt Genazino. Und als am bedeutsamsten für unsere Gegenwart müsse „Leonce und Lena“ gelten. „Denn in diesem Lustspiel tritt ein Leiden auf, das im Laufe der Zeit an Einfluss immer mehr zugenommen hat, das Leiden an der Langeweile.“

Bei Büchner werde die Langeweile angenommen, untersucht und dargestellt – ganz anders „unsere Erlebnisplaner“, die uns „hochdosierte Fremdunterhaltung“ anbieten. Wer sich von der Freizeitindustrie betäuben lässt, glaubt Genazino, bringt sich um die wichtigsten Erfahrungen: Im Kern der Langeweile nämlich stecke unsere Verwunderung darüber, „dass wir die meiste Zeit unausgedrückt leben“. Wir interessierten uns mehr für die gute Laune Thomas Gottschalks als für die eigene Melancholie, obwohl diese mit uns auf dem Sofa sitze. Durchleide man – wie Leonce und Lena – geduldig den Ennui, entferne man sich ein Stück weit vom eigenen Ich und werde mit „neuartigen Bildern über sich selbst beschenkt“. Aus der Empfindung der unheimlichen inneren Leere werde plötzlich ein erzählter Raum. Genazino plädiert dafür – mit jedem Satz, den er schreibt –, sich Freiräume inmitten des riesigen Zerstreuungsangebots zu schaffen, „ein glückendes Innehalten in der allgemeinen Zeitvernichtung“.

An diesem Nachmittag im Staatstheater Darmstadt wurden solche Räume betreten, nicht nur von Genazino, auch von den anderen Preisträgern: von der Essayistin Anita Albus, die mit dem Johann- Heinrich-Merck-Preis ausgezeichnet wurde, und von dem Geschichtswissenschaftler Karl Schlögel, der den Sigmund-Freud-Preis erhielt. Sie dürften sich wohl Genazinos manifesthafter Forderung an Fernsehdirektoren, Eventdenker und Kaufhauschefs anschließen: „Lasst die Finger weg von unserer Langeweile!“

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