Kultur : Glücklich im Zwinger

Zauber des Barock, Leidenschaft der Zeichnung: „Menzel in Dresden“ – eine Ausstellung und ein schmerzlicher Verlust

Bernhard Schulz

Seine erste größere Reise führte den 24-jährigen Adolph Menzel 1840 nach Leipzig und Dresden. Eben erst hatte er den gewaltigen Auftrag angenommen, Franz Kuglers umfangreiche, volkstümlich gehaltene „Geschichte Friedrichs des Großen“ zu illustrieren. Nun wollte er für die Episoden aus dem Siebenjährigen Krieg den sächsischen Schauplatz studieren. „Dresden an sich war mir fatal“, schrieb er: „Was es interessant macht, die alten Prachtarchitekturen und die Galerie, ist teilweise Ruine.“

Gewiss, das barocke Dresden durchlebte damals keine gute Zeit. Barock und Rokoko waren seit dem Aufkommen des Klassizismus einer Geringschätzung verfallen, die erst gegen Ende des 19. Jahrhunderts wich. Doch Menzel verharrte nicht bei seinem vorschnellen Urteil. Im Gegenteil, er verguckte sich in Dresden – insbesondere in die eigentümliche Architektur des Zwingers. 14 Mal reiste Menzel nach Dresden, öfter als an beinahe jeden anderen Ort. Dass der nüchterne Preuße Menzel ausgerechnet das schwelgerische Barock-Dresden aus dessen Glanzzeit der beiden August-Könige schätzen lernte, gehört zu den Eigenwegen der Kunst.

Dieser steten Liebe verdanken wir eine überwältigende Vielzahl wunderbarer Zeichnungen eines von der Wirklichkeit besessenen Zeichners. Aber auch einige Gemälde, darunter das einer romantisch verwilderten Ecke des als heitere Festarchitektur entworfenen Zwingers.

„Menzel in Dresden“ heißt kurz und treffend die Ausstellung, mit der das Kupferstichkabinett der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden jetzt erstmals in voller Breite auf diesen Bereich in Menzels Riesenœuvre aufmerksam macht. Überschattet wird die im Wortsinne zauberhafte Ausstellung von der jüngsten Geschichte des zweitwichtigsten Gemäldes des Künstlers im Dresdner Museumsbestand: Der „Nachmittag im Tuileriengarten“ von 1867 wurde vor kurzem der Londoner Nationalgalerie verkauft. Erst mit mehrtägiger Verspätung konnte das Gemälde, nunmehr als Leihgabe, der Dresdner Ausstellung eingefügt werden.

Der „Tuileriengarten“ ist somit nurmehr eine schmerzliche Reminiszenz. Denn es gelang nicht, die Hoffnung auf Rückkauf oder zumindest Dauerleihgabe dieses hochbedeutenden Bildes zu erfüllen. Nachdem das Museum das Gemälde an die Erben der ursprünglichen Eigentümerfamilie Meyer restituiert hatte, kaufte es sofort der amerikanische Sammler und Händler Alfred Bader. Er ließ Dresden in der begründeten Zuversicht auf den Verbleib des Werkes. Stattdessen schaltete er den Londoner Händler Bruce Livie ein, der in der National Gallery einen augenscheinlich seit langem auf das Werk erpichten Erwerber fand. Dass bei den verschlungenen Transfers bei einem von der National Gallery gezahlten Endpreis von 4,7 Millionen Euro ein Gesamtgewinn von 1,9 Millionen Euro gegenüber der von den Erben erzielten Summe anfiel, gibt dem Vorgang einen unangenehmen Beigeschmack.

Ob die hochmoralische Restitution einer strengen juristischen Prüfung standhielte, darf bezweifelt werden. Das endgültige Verkaufsjahr 1935 spricht zwar für unrechtmäßigen Erwerb. So sahen es auch das Bundesamt zur Regelung offener Vermögensfragen und mit ihm die sächsische Landesregierung, die den Fall vom Tisch haben wollte. Indessen gingen die Verkaufsabsichten der jüdischen, in Berlin lebenden Familie von Estella Meyer bereits auf das Jahr 1932 zurück. Der Schweizer Großsammler von Kunst des 19. Jahrhunderts, Oskar Reinhart, winkte damals ab; ihm schien das Gemälde nicht bedeutend genug. Im Frühjahr 1933 scheiterte ein Verkauf an das New Yorker Metropolitan Museum, das lediglich 5000 Dollar zahlen wollte – nicht einmal die Hälfte des von der Familie Meyer erhofften Erlöses. Erst 1934 kam Dresden ins Spiel, durch den mit dem Verkauf betrauten Kunsthändler Fritz Nathan. Direktor in Dresden war damals – Hans Posse. Der Name spielte bei den jüngsten Restitutionsverhandlungen gewiss eine Rolle, war er es doch, der später für Hitler die Sammlung des geplanten „Führermuseums“ zusammenstellte.

Seine Dresdner Jahre jedoch sind untadelig – er wurde sogar von den Nazis wegen seines Eintretens für die Moderne zum Rücktritt gezwungen und wechselte erst danach die politische Seite. Nur mit Mühe gelang es ihm schließlich, 25 000 Reichsmark aufzubringen – eine Summe, mit der Estella Meyers Sohn Reinhold angesichts des mit der Weltwirtschaftskrise zusammengebrochenen Kunstmarktes zufrieden war. Summum ius summa iniuria, höchstes Recht schafft höchstes Unrecht, seufzt der Jurist, und mancher mit der komplizierten Materie vertraute Anwalt hat es auf den einschlägigen Konferenzen der vergangen Jahre auch getan.

Ärgerlich bleibt, dass die sächsische Politik es versäumt hat, den über Jahre bekannten Problemfall rechtzeitig mit den Erben zu regeln. Für unter drei Millionen Euro wäre das Bild in Dresden zu halten gewesen, ganz so, wie es Reinhold Meyer 1935 in seinem Dankesbrief an Posse geschrieben hatte: „So freue ich mich doch, dass das Bild an eine so würdige Stelle gekommen ist, wie es auch ganz meinen Ideen entsprochen hat.“

Nun, die Londoner Nationalgalerie ist gewiss keine unwürdigere Stelle – umso weniger, als sie Hüterin desjenigen Bildes ist, das Menzel zur Reminiszenz seiner eigenen Paris-Reise von 1867 womöglich angeregt hatte: Edouard Manets „Musik in den Tuilerien“ von 1862. Menzels Komposition unterscheidet sich von derjenigen Manets durch die Anhäufung fragmentarischer Einzelbeobachtungen. Das gilt noch stärker für das Dresdner Hauptstück, die „Piazza d’Erbe in Verona“, Menzels überhaupt letztes Ölgemälde aus dem Jahr 1884.

„Hier ist das Chaos vollkommen“, heißt es bündig im vorzüglichen Katalog. Aber damit ein Chaos entstehen konnte – freilich ein aufs Genaueste berechnetes Chaos –, bedurfte es zahlloser Bleistiftstudien, von Händen, Körperdrehungen, faltigen Hälsen, stürzenden Kindern. Erstaunlicherweise hielt Menzel den Veroneser Marktplatz nur ein einziges Mal in seiner Gesamtansicht fest.

Die Ausstellung im Residenzschloss verfolgt also ein doppeltes Ziel. Sie will zum einen den Dresdner Gemäldebestand gemeinsam mit den zahllosen Vorskizzen zeigen, zum anderen Menzels liebevolle Beziehung zur Elbestadt würdigen. Zweimal hat er die Frauenkirche gezeichnet. Beide Blätter zählen zum Schönsten, was je von dem monumentalen Bauwerk festgehalten wurde. Und dann gibt es die späten Ansichten des Zwingers, den Menzel immer wieder zeichnete, anfänglich – für Kuglers Friedrich-Epos – mit historischem Personal.

Im hohen Alter von 76 Jahren, bei seinem vorletzten Dresden-Besuch, hielt er einen der Zwinger-Pavillons bei Nacht fest – mit der ganzen Schwärze des Bleistifts, die das Weiß des Papiers dramatisch hervortreten lässt. Ein Geniestreich, wie ihn Menzel in Dresden mehrfach ausgeführt hat – vielleicht auch, weil er sich im heiteren Rokoko Sachsens von der preußischen Fron befreit fühlte.

Dresden, Kupferstichkabinett, Schloss, bis 20. Februar. Katalog im Deutschen Kunstverlag, 29,90 €, im Buchhdl. 39,90 €.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben