Kultur : Glücklich melancholisch

Ost und West vertragen sich doch gut – jedenfalls auf der Leipziger Buchmesse. Eine Bilanz

Gerrit Bartels

Der Preis der Literaturhäuser, der alljährlich auf der Leipziger Buchmesse vergeben wird, gehört nicht zu den Preisen, die übermäßig Aufsehen erregen. Als die Auszeichnung allerdings am Freitagabend auf dem Blauen Sofa im Glashaus der Messehallen verliehen wurde, hatte man das Gefühl, dass spätestens in diesem Moment die diesjährige Leipziger Buchmesse allem Krisengerede zum Trotz wieder ganz zu sich selbst gefunden hatte.

Das lag unter anderem auch an Ilija Trojanow, der den mit 11 000 Euro dotierten Preis in Empfang nehmen durfte. Mancher professionelle Beobachter empfand diese Auswahl als nicht besonders originell; doch ist Trojanow gewissermaßen ein Leipziger Urgestein, ein Eigengewächs, seitdem er 2006 den Preis der Leipziger Buchmesse gewann und damit den Durchbruch bei einem großen Publikum schaffte. Wie Trojanow auf dem Sofa saß und erzählte, wie aufregend es für ihn immer wieder aufs Neue sei, ein neues Buch anzuschauen, anzufassen, zu befühlen, das hatte etwas, das passte zu dieser Messe, auf dem das E-Book zwar ein ständig wiederkehrendes Thema war, aber doch nur eines unter vielen.

Und da passte es genauso gut, dass nur ein paar Schritte weiter der Messegeschäftsführer Wolfgang Marzin euphorisch eine erste Messebilanz zog und bei 59 000 Besuchern an den ersten beiden Tagen einen Besucherrekord von möglicherweise über 130 000 Besuchern in Aussicht stellte: „Die Stimmung ist ausgezeichnet, sowohl auf Aussteller- wie auch auf Besucherseite.“ Und auch auf Autorenseite, hätte er anfügen können. Denn diese waren überall gefragt und gaben sich gut gelaunt Mühe, die immer wieder gleichen Auskünfte über ihre Bücher und zu ihrer Person zu geben.

So wie Jens Sparschuh, der mit Sten Nadolny als Pendant aus dem Westen ein Buch über seine Militärzeit im Osten geschrieben hat und sich gleichermaßen freute wie wunderte über zahllose Termine: „Das hätte ich bei so einem Buch nie gedacht; ich würde mir so viel Resonanz auch bei den Büchern wünschen, die ich mit viel mehr Herzblut geschrieben habe.“ Oder wie Sibylle Lewitscharoff, die als frischgebackene Buchpreisträgerin wieder und wieder die Geschichte ihres Rauhaardackels erzählte, dem sich die Haare sträubten, wenn sich ihr Vater mit einem alten Bekannten auf bulgarisch unterhielt, fortan von Lewitscharoff als die auch ihr selbst nur zu gut bekannte „Dackel-Reaktion“ bezeichnet.

Oder wie Benjamin Lebert, der bekannte, nie irgendwo ankommen zu wollen, das sei seine Sehnsucht, das befördere sein Schreiben; und der dann später am KiWi-Stand nicht nur haufenweise Bücher signieren musste und sich Arm in Arm mit weiblichen Fans ablichten ließ, sondern auch die Ehre hatte, sich mit Franz Müntefering über sein Buch „Der Flug der Pelikane“ zu unterhalten und von diesem gesagt bekam, auch er, Müntefering, hätte in seiner Jugend öfter melancholische Anwandlungen gehabt.

Die hat auch Günter Grass, wenn er an die Wiedervereinigung denkt. Und diese melancholischen Anwandlungen verwandeln sich bei ihm zuweilen in einen Zorn, der Grass auch bei dieser Messe wieder zu eigentümlichen Ausfällen animierte. Von dem Moderator Wolfgang Herles mit einer Aussage Monika Marons konfrontiert, er male vielleicht doch etwas schwarz in Sachen DDR-Übernahme und Ausverkauf durch den Westen, antwortete Grass, Monika Maron solle erstmal in ihrer eigenen Biografie aufräumen und ihre Stasi-Tätigkeit darlegen (was Maron im übrigen getan hat, und zwar aus eigenem Antrieb, kurz nach der Wende).

Peinlich, was Grass da sagte, zumal man überhaupt den Eindruck hatte, dass sein Furor in Sachen Wiedervereinigung die Ausnahme darstellt. Denn überall, wo Autoren ihre Erinnerungsbücher über 1989 vorstellten, wo des zwanzigjährigen Mauerfalljubiläums gedacht wurde, etwa bei der „Langen Ossi-Wessi-Nacht“, gab es ein gesittetes Miteinander. Verständnis herrschte vor, aber auch die Einsicht, es mit vielen nicht mehr rückgängig zu machenden Tatsachen zu tun zu haben. Etwa als der Verleger Christoph Links das Vorgehen der Treuhand anprangerte, seinerzeit die DDR-Unternehmen allzu schnell veräußert zu haben: „Es wären durchaus ein paar sanierungsfähige dabei gewesen. Die sind mit dem blinden Vertrauen auf Marktregularien zerstört worden.“

Links legte auch dar, wie die Verlage im Osten des Landes nach und nach untergegangen seien und dass heute überhaupt nur noch zwei Prozent der gesamten Buchproduktion aus dem Osten des Landes (ohne Berlin) stamme. Eine erstaunliche Zahl. Doch wie sich das eines Tages mit dem Produzieren und Verlegen von Büchern verhalten wird, sollte sich das E-Book durchsetzen, steht wieder auf einem anderen Blatt. Sollte es sich eines Tages als genauso massenkompatibel erweisen wie etwa die MP-3-Player, dann könnten schwere Zeiten auf die Buchbranche zukommen. Sehr gewappnet erscheint sie nicht, vom Urheberrecht bis zu den dann radikal veränderten Anforderungen an Verlage und Buchhandel. Es dürfte nicht damit getan sein, den „Leipziger Geist für das einzelne Buch von hier aus auch in das World Wide Web zu übertragen“, wie es Börsenvereinsvorsteher Gottfried Honnefelder in seiner Rede bei der Eröffnung im Gewandhaus so rührend ausdrückte.

Mehr über die Leipziger Buchmesse lesen Sie im Sonntag auf Seite S3.

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