Kultur : Glückliche Tage

Der Krieg der Generationen ist vorbei: Die große Schauspielerin Jutta Lampe kehrt an die Berliner Schaubühne zurück

Peter Laudenbach

Es ist die Rückkehr einer großen Schauspielerin. Dass Jutta Lampe mit Luk Percevals Inszenierung „Andromache“ an die Berliner Schaubühne, ihr altes Theater am Lehniner Platz zurückkommt, ist eine kleine Sensation. Und eine große Freude.

Wenn man Jutta Lampe in den letzten Jahren als Premierengast in der Schaubühne sah, wirkte sie wie eine Besucherin aus einer anderen Zeit. Und darin liegt auch Wahres. Über drei Jahrzehnte, von 1970 an, als sie zusammen mit ihrem Regisseur Peter Stein, mit Schauspielerkollegen wie Edith Clever und Bruno Ganz eine neue Ära des deutschsprachigen, ja des europäischen Theaters einleitete, hat sie diese Bühne entscheidend mitgeformt – eine Schauspielkünstlerin, die sich dem Gedächtnis, den Empfindungen der Zuschauer mit leiser Intensität und unendlich differenzierten Ausdrucksvaleurs einprägt.

Die Natalie in Kleists „Homburg“ (1972), die Ärztin in Gorkis „Sommergästen“ (1974), die Athene in der „Orestie“ (1981), die Mascha in den „Drei Schwestern“ (1984), die Phädra (1987), die adlige Anita im „Schlusschor“ von Strauß (1992), die bzw. der Orlando in Robert Wilsons Virginia-Woolf-Adaption: ein Auszug aus Jutta Lampes Berliner Rollenverzeichnis, das sich wie ein Traumbuch liest.

Spätestens mit dem Wechsel an der Spitze der Schaubühne vor drei Jahren war diese lange, beglückende Beziehung zwischen der Schauspielerin und dem Publikum der Schaubühne fürs erste vorbei: Jutta Lampe hatte keinen Platz in Thomas Ostermeiers jungem Ensemble. Davor lagen die schwierigen Jahre des Interregnums nach Steins endgültigem Bruch mit der Schaubühne Anfang der Neunziger. Die Ausstrahlung der goldenen Schaubühnen-Epoche in den Siebzigern war (und ist) so stark, dass Ostermeiers Neustart an den Leistungen der Gründer gemessen wurde, die lange schon Legende waren. Und auch sonst machte sich Jutta Lampe rar. In den letzten Jahren war sie nur zwei Mal auf der Bühne zu sehen: in Luc Bondys Tschechow-Inszenierung „Die Möwe“ am Burgtheater und in Becketts „Glückliche Tage“ in der Regie Edith Clevers.

Ortstermin am Lehniner Platz: „Manchmal, wenn ich so durch die Räume gehe, bin ich für einen Moment traurig und denke daran, was alles nicht mehr ist. Aber das sind kurze Momente, länger gestatte ich es mir nicht,“, sagt Jutta Lampe im Gespräch. Das ist gänzlich unsentimental, und doch klingt Wehmut mit. Der Abschied vor vier Jahren muss schmerzhaft für sie gewesen sein. Eine Zeitlang vermied sie es, obwohl sie ganz in der Nähe des Theaters wohnt, an dem Gebäude vorbeizugehen. „Da habe ich getrauert. Dass mich die Trennung von diesem Theater so getroffen hat, hat vielleicht auch damit zu tun, dass ich keine Familie habe. Ich habe mich auch nie wirklich nach einem Familienleben gesehnt. Meine Familie, das war zu dieser Zeit Peter Stein und die Schaubühne, die wir gemeinsam mit anderen aufbauten. Es war gewissermaßen unser Kind.“

Als Luk Perceval, der belgische Regisseur, der mit seinem wilden, auch brachialen Shakespeare-Spektakel „Schlachten!“ berühmt wurde, Jutta Lampe vorsichtig fragte, ob sie sich eine Zusammenarbeit vorstellen könne, sagte sie zu. Vor allem Percevals Münchner Inszenierung von Jon Fosses „Traum im Herbst“ hat sie für den Regisseur eingenommen: ein leiser, psychologisch eindrücklicher Theaterabend, weit entfernt von den Krassheiten, mit denen Perceval zum Beispiel in „Aaars“ das Publikum schockt. Und auch „Andromache“ wird ohne äußerliche Effekte auskommen. „Das wird ein ganz, ganz stiller Abend. Kein Lärm, nur die Figuren tragen die Aufführung“, erklärt die Schauspielerin kurz vor der Premiere.

Lampe und Perceval – das ist eine ungewöhnliche, erstaunliche Kombination. Denn bei aller Eindringlichkeit und szenischen Kraft haben Percevals Inszenierungen wenig von der Wärme und Zärtlichkeit, der flirrend mädchenhaften Leichtigkeit, mit der Lampe ihre Figuren zeichnet. Gerade die unsentimentale Härte ist es aber, die Lampe an Percevals Inszenierungen interessiert: „Das Archaische, was ihn zu faszinieren scheint, wollte ich gerne in der Arbeit mit ihm erleben.“

Perceval hat die Textvorlage des französischen Klassikers Racine drastisch bearbeitet. Racines Verse und die kalt glänzende Rhetorik seines Stücks sind einer knappen, direkten, brutalen Sprache gewichen: eine raue, schmucklose Klarheit statt der formalen Eleganz des Klassizisten. Am Anfang der Proben, erzählt Lampe, habe sie sich nach dem sprachlichen Reichtum der Racine-Verse gesehnt und immer wieder, parallel zu Percevals Fassung, in Racines Originaltext gelesen. Mit dieser Sprache ist sie vertraut: Vor 16 Jahren, als sie in Steins hochformalisierter Inszenierung von Racines „Phädra“ die Titelrolle spielte, war das ein Triumph des konservativ formbewussten Theaters. Was sie jetzt probt, ist ein völlig anderer, dennoch ähnlich radikaler, entschiedener Weg zu Racine.

Die Andromache, die Jutta Lampe bei Perceval spielt, ist eine von Kriegserfahrungen traumatisierte Frau, die Gefangene des Pyrrhus, der ihren Gatten ermordet hat und jetzt dessen Witwe begehrt. Um sich den Schrecken, die ihre Figur durchgemacht hat, zu nähern, hat Lampe sich ausgiebig mit Bildern des Krieges auseinander gesetzt. „In den Kriegsfotografien die Gesichter dieser verstörten Menschen zu sehen, das hat mich sehr berührt.“

Vieles, was Lampe von den seelischen Gefährdungen und Verletzungen ihrer Figur sichtbar macht, bleibt sprachlos: stummer Schmerz. „Ich muss im Schweigen viel ausdrücken. Das ist für mich etwas Neues, eine große Herausforderung.“ Was Perceval zeigen will, sind reduzierte, deformierte, ausgehöhlte Menschen und eine Dimension des Schmerzes, die alle wohltemperierte Psychologie sprengt – bis die Katastrophen- und Gewalterfahrungen nur noch im kalt Faktischen festgehalten werden können. Wenn Andromache zum Mörder ihres Mannes sagt, „Du hast doch gesehen, was von meiner Stadt übrig ist“, und der lakonisch antwortet: „Ruinen, Trümmer, Blut und Asche.“

Percevals Proben sind ungewöhnlich. Er nimmt sie auf Film auf – und erklärt den Schauspielern anhand der Aufnahmen, wie sich das Stück entwickeln sollen. „Man sieht sich wie von außen, was nicht immer einfach ist“, beschreibt Lampe diesen Vorgang. Sie selbst kommt aus einer gänzlich anderen Theatertradition. Einfühlung, Psychologie, die Schule Stanislawskis und Steins sind der Methode Percevals diametral entgegengesetzt. Weshalb die neue Probentechnik sie reizt. Ähnlich offen nimmt sie auch jüngere Theatermacher wahr. Generationenkonflikt im Theater? Der oft behauptete Krieg zwischen Jung und Alt hat Jutta Lampe nicht interessiert. So hat sie Thomas Ostermeier bereits für sich entdeckt, als er noch in der Baracke des Deutschen Theaters war, auch die Inszenierungen „Nora“ und „Thyestes“ von Stephan Kimmig findet sie faszinierend.

Nicht die Stilkämpfe des Theaters treiben sie um, sondern die Gefährdungen des Theaters im ganzen. „Das Bürgertum gibt es nicht mehr. Man kann melancholisch werden, wenn man daran denkt, was für eine enorme Bedeutung Theater einmal gehabt hat und heute nicht mehr hat.“ Künstlerische Potenz und die Ernsthaftigkeit im Umgang mit dramatischen Texten rücken vor dem puren Marktwert einer Inszenierung oder eines Künstlers da leicht in den Hintergrund. Dieses „Quotendenken der Theater“ entsetzt Jutta Lampe: „Ein Intendant muss doch eine Aufführung, die ihm künstlerisch wichtig ist, schützen, auch wenn sie vielleicht nicht jedes Mal ausverkauft ist.“

Das ist kein konservativer Kulturpessimismus, auch keine Bitterkeit. Es ist nur der Versuch der Schauspielkünstlerin Jutta Lampe, die eigene Kunst unvermindert ernst zu nehmen. So ernst wie damals, vor 30 Jahren.

„Andromache“ nach Jean Racine, Regie: Luc Perceval, Premiere am 3. Dezember, 20 Uhr .

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