Kultur : Glücksbringer

Musical gegen Schmerz: Anne Krohns „Liebeslied“

Kai MüllerD

Es beginnt mit leichtem Zittern. Wie ein Erdbeben. Bloß dass es Nervenbahnen entlanggekrochen kommt, bis in die Fingerspitzen. Und Roger, von Beruf Bauarbeiter, starrt auf seine vibrierende Hand wie auf einen fremden Gegenstand, den jemand auf den Schüttelrost gelegt hat. Er setzt das Bier an. Hilft schon. Hat immer geholfen bei Nervosität.

Eine Geschichte, die so beginnt, kennt dramaturgisch nur eine Richtung auf der nach oben offenen Leidensskala. Denn das Nervenbeben kündigt eine Parkinson-Erkrankung an, wird immer heftiger, bis es das fragile soziale Gefüge des Familienvaters Roger aufreißt. Anne Høegh Krohn erzählt in „Liebeslied“ eine voraussehbare Geschichte. Trotzdem ist ihr dritter Spielfilm alles andere als bedrückend geraten. Ähnlich wie in Lars von Triers „Dancer in the Dark“ werden geschickt Musical-Szenen in die Handlung integriert, um singend auszudrücken, was die Figuren sich zu sagen nicht trauen. Gewiss, es sind hart an der Kitschkante balancierende Traumsequenzen, die das Melodram gewissermaßen gegen seine eigene Tektonik vom Leidensdruck befreien. Aber „Liebeslied“ ist tatsächlich ein Hohelied auf die Liebe, das für deutsche Verhältnisse erstaunlich souverän mit großen Gefühlen umgeht. Ein Glücksfall auch, dass Jan Plewka, der Roger spielt und als Selig-Frontmann die stimmlichen Voraussetzungen für die Rolle mitbringt, mit viel Inbrunst und Lust am Pathos nach der seelischen Rückversicherung seiner Musik sucht.

„Bringt Glück“, sagt Filmpartnerin Nicolette Krebitz, als sie eine Kohlmeise am Gartentor entdeckt. Glück bestimmt das Geschehen tatsächlich stark – trotz der trostlosen Diagnose. Bald schon bleibt es nicht mehr bei Zitterattacken. Roger verfällt in groteske Schockstarren, die ihn für Stunden lähmen. Hier darf dann natürlich die Szene nicht fehlen, in der seine Tochter mit dem Fahrrad einen Berghang hinunterschießt – und er sie nicht retten kann. Da fühlt sich einer innerlich tot, jetzt muss er nur noch sterben. Nachhelfen will er.

Auch Krebitz als Ehefrau Dinah ist toll – eine entzückende Supermarktkassiererin, die ihrem Mann den Weg zu sich selbst bahnt. Das ist mit viel Gespür für die soziale Abstiegszone inszeniert, in der sich das Paar befindet. Goldene Wimperntusche, Pailettenkleider und SalsaTänze gegen die Tristesse. Kai Müller

Babylon Mitte, Blow Up

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben