Kultur : Glückselige Gesichter

KUNST

Christian Huther

Das Bild bricht Rekorde. Erstens wirft es zahlreiche Fragen auf: Bestimmung, Aufstellungsort und viele Besitzer sind unbekannt; sogar eine Figur ist nicht enträtselt. Zweitens gab es mehrfach Streit um das berühmteste religiöse Bild von Hans Holbein d . J .: 1871 erklärte man die „Darmstädter Madonna“ zum Original von 1526/28 und entlarvte das Dresdner Bild als spätere Kopie. Letzten Sommer stritten sich dann Darmstadt und Frankfurt am Main um das seit über 150 Jahren in Darmstadt weilende Bild – mit salomonischem Ende: Aus dem Frankfurter Städel, wohin es 2003 kurzfristig kam, soll es nach Darmstadt zurückkehren, wenn das Landesmuseum renoviert ist. Derweil wirbt das Städel für sich, zeichnet die vielen Bild-Wandlungen nach (bis 23. Mai, Katalog 25 Euro) und ergänzt damit die Den Haager Holbein-Schau vom letzten Jahr.

Nicht zu sehen waren dort fünf Studien und ein Diptychon, die Basel jetzt entleiht. Holbein malte 1516 ein Porträt des damaligen Basler Bürgermeisters Jakob Meyer und seiner zweiten Frau. Die Vorstudien dazu nahm er sich zehn Jahre später noch einmal vor, als ihn Meyer um ein Familienbild mit Tochter und verstorbener erster Frau bat, gruppiert um eine Madonna. Doch Röntgenfotos des Gemäldes zeigen, dass Holbein mehrfach die Frauen abänderte. Möglicherweise als Reaktion auf Meyers Klage über mangelnde Ähnlichkeit zeichnete Holbein drei schonungslose Studien: Der Bürgermeister wirkt alt, seine Frau hat harte Züge, die Tochter eine große Nase. Im Gemälde zeigt er sie wieder in günstigerem Licht. Nur schade, dass das Dresdner Bild wegen seines fragilen Zustandes nur als Diareproduktion zu sehen ist.

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