Kultur : Glücksgeist im Löwengarten

Die Kunst, mit Argumenten zu erzählen: zum Tod des Schriftstellers und Literaturkritikers Reinhard Baumgart

Gregor Dotzauer

Wenn man sich wünschen dürfte, wie man selber alt wird im kritischen Gewerbe, dann wäre er ein Vorbild ohne Konkurrenz. Reinhard Baumgart, der vorgestern im Alter von 74 Jahren unerwartet gestorben ist, war bis zuletzt als Literaturrezensent, Essayist, Erzähler und Diskutant gefragt – und das nicht als lebende Legende mit Anrecht auf ein mediales Gnadenbrot. Er schrieb seine sanften und gründlichen „Argumentationserzählungen“, wie er Kritik verstand, als Zeitgenosse, der sich der Generations- und Mentalitätsumbrüche bewusst war. Und er begegnete diesen Veränderungen mit der Erfahrung des Literaturwissenschaftlers, der Würde seines großbürgerlichen Habitus und der Neugier des nie saturierten Enthusiasten.

Es war für ihn selbstverständlich, sich mit Popautoren wie Benjamin von Stuckrad-Barre oder Erfolgsphänomenen wie der Französin Anna Gavalda auseinander zu setzen. Vor allem musste man nie fürchten, mit einer Autorität behelligt zu werden, die etwas anderes wollte als Erkenntnis – etwa Belehrung. Dass er in den Texten seiner späten Jahre vielleicht ein wenig zu oft jüngere Frauen umarmte, ist dabei eine verzeihliche Sentimentalität.

Reinhard Baumgart, am 7. Juli 1929 in Breslau-Lissa als Sohn eines Arztes geboren, hatte in München, Glasgow und Freiburg Geschichte und deutsche und englische Literatur studiert und mit einer Arbeit über „Das Ironische und die Ironie in den Werken Thomas Manns“ promoviert. Ausgehend von einer Lektorenstelle an der Universität von Manchester, arbeitete er sich Mitte der fünfziger Jahre ins Innere des deutschen Literaturbetriebs vor. Sieben Jahre lang lektorierte er das belletristische und wissenschaftliche Programm des Münchner Piper Verlags, ehe er sich 1962 entschloss, als freier Schriftsteller und Publizist zu leben. Es war das Jahr, in dem sein zweiter Roman „Hausmusik – Ein deutsches Familienalbum“ erschien, .

Weder „Hausmusik“, die formal zersplitterte Geschichte eines Mannes, der in Südfrankreich nach seiner Identität sucht und dabei Geschichten aus dem Alltag im Dritten Reich aufspürt, noch sein in der deutschen Filmwelt angesiedelter, gesellschaftskritischer Debütroman „Der Löwengarten“ (1961) fanden allerdings bei den Lesern und im Feuilleton große Resonanz. Vielleicht war sein wahres Talent auch die Auseinandersetzung mit fremden Texten, und so verlegte er sich, damals schon ein prominenter Rezensent, in der Folgezeit wieder stärker auf das kritische Fach. Er äußerte sich in fast allen führenden Blättern, dem „Spiegel“, der „Süddeutschen Zeitung“, wo er außerdem über Film und Theater schrieb, und schließlich der „Zeit“. Daneben reiste er mit Vorträgen in alle Welt, hielt Gastvorlesungen an den verschiedensten Universitäten und nutzte eine Gastdozentur für Poetik an der Frankfurter Goethe-Universität, die Essays für seine 1968 erschienene Sammlung „Aussichten des Romans oder Hat Literatur Zukunft?“ zusammenzutragen. Sie diagnostiziert wie der fünf Jahre später erschienene Band „Die verdrängte Phantasie“ das Scheitern des bürgerlichen Realismus und plädiert, ausgestattet mit Argumenten von Benjamin, Sartre, Adorno und den noveaux romanciers, für eine „dokumentarische Literatur“ in gleichwohl utopischer Absicht.

Nicht erst der Erzähler Baumgart, der sich im vergangenen Jahr mit dem Geschichtenband „Glück und Scherben“ zurückmeldete, war von der Unbedingtheit seiner eigenen Thesen längst abgerückt. Schon der Essayist und Germanistikprofessor der Technischen Universität Berlin hatte sich in Büchern wie „Glücksgeist und Jammerseele“, das dem Verhältnis von Kunst und Leben aufs Schönste nachspürt, oder in „Addio – Abschied von der Literatur“ dem bürgerlichen Kanon wieder geöffnet. Dieses „Addio“ war denn auch eine Untersuchung über das ewige Motiv des Abgesangs und ein Willkommen für alles Zukünftige.

Der Abschied gilt nun unwiderruflich ihm. Ein kleiner Trost mag sein, dass bei seinem Hausverlag Carl Hanser seine kürzlich abgeschlossenen Lebenserinnerungen in Vorbereitung sind: ein Bericht über seine oberschlesische Kindheit und Flucht ins Allgäu 1945 – und eine lebendige Chronik der deutschen Nachkriegsliteratur.

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