Kultur : Glühende Geigen

KLASSIK

Jens Hinrichsen

Was geht im Kopf eines Komponisten vor, dessen Werk soeben in der Philharmonie erklungen ist? Bekränzt mit kräftigem Beifall wirkt Christian Ph. Reichart ein wenig benebelt vor Freude; scheu umarmt er dann Karl Leister und Reinhold Friedrich, die beiden Solisten, die sein Konzert für Klarinette, Trompete und Orchester aus der Taufe gehoben haben. Der 28-Jährige hat sein Opus 10 über Strecken als Duell komponiert: Blech bedrängt Holz und umgekehrt. Dann wieder erblühen aus dem ungewöhnlichen Instrumentenpaar Klanggewächse, die sich terzenselig umschlingen. Das RIAS-Jugendorchester unter Zoltán Peskó sekundiert, jubiliert, kleckert und klotzt in schnellem Wechsel. Reicharts raffinierte Verflechtungen – etwa von Trauermarsch und hitzigem Presto im zweiten Satz – zeugen von brillanter Beherrschung klassischer Mittel.

Und noch ein Trauermarsch, mit dem Peskó und das Ensemble an diesem Abend punkten: Der dritte Satz von Beethovens Eroica bäumt sich in einer kontrapunktischen Steigerung auf, die sich beim RIAS-Jugendorchester wahrhaft rotglühend entfaltet. Wenn schließlich die letzten Takte des langsamen Satzes zerbröselt sind, schäumt das nachfolgende Scherzo wie aus dem Nichts hervor – eindrucksvoller kann man die Dualität der Dritten wohl nicht betonen. Denn hier verweist schon der Titel auf die zwei Leben eines Helden: auf Prometheus, den Erfinder der Künste. Dessen Sprung vom Diesseits ins überirdische, göttliche Leben prägt diese ungeheuerliche Sinfonie. Zwar leistet sich das Orchester in den Ecksätzen ein paar Grauzonen, im Ganzen bleibt die Interpretation aber durchsichtig, gut proportioniert, packend.

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