Kultur : Glühende Kälte

Das Berliner Arsenal-Kino widmet Jean Eustache eine Retrospektive

Peter W. Jansen

Nach Ernst Lubitsch ist er wohl derjenige, der Türen mehr liebte als irgendein Dritter. Mit dem Unterschied, dass sich bei Lubitsch die spannenden Geschichten hinter verschlossenen Türen abspielen, während bei Jean Eustache Geschichten schon von den Türen selbst erzählt werden: jedesmal ein Ereignis – und dessen Vollstrecker heißt Jean-Pierre Léaud. Wenn er in „La maman et la putain“ in eine Wohnung kommt oder ins Café Deux Magots, dann geht es gleich los mit dem schier endlosen Palaver. Ein Refrain ohne Fermate: über die Liebe, übers Anmachen, übers Heiraten, über Sex. Léaud ist aufs nervöse Parlando geeicht durch Truffaut und Rivette. Und er ist der lebende Beweis, dass der Außenseiter Eustache zur Nouvelle Vague gehört.

Am Anfang will Alexandre seine ehemalige Geliebte Gilberte durch Heirat zurückgewinnen. Am Ende will er Veronika heiraten, seine neue, durch eine ménage à trois als ehetauglich approbierte Geliebte. Der Refrain intoniert den Stillstand, hektische dreieinhalb Stunden lang. Wenn da nicht Veronikas schmerzlicher Monolog wäre, der gallenbittere Abschied einer Frau, die mit jedem ging – ein Abschied, der mit der Sehnsucht nach einem Kind ein Anfang neuer Bürgerlichkeit sein könnte. Sie sind verdorrt, die Blüten vom Mai 68.

Von den zwölf Filmen, die Eustache hinterlassen hat, laufen vier auf das Hauptwerk zu. Und die sieben folgenden sind ohne „La maman et la putain“ nicht zu denken. Wo und wovon sie auch immer handeln: Stets ist die Erzählweise von der glühenden Kälte leidenschaftsloser Beobachtung imprägniert, die ihre Herkunft vom dokumentarischen Gestus des cinéma vérité (und von Flaubert) nicht leugnet. Alexandre liest nicht von ungefähr Proust, zitiert Bernanos und hat stets ein passendes Filmzitat parat – auch die Schallplatten, die er oder seine Bettgenossin Marie hören, dampfen Zeit und Geschichte zur Gegenwart ein, Edith Piaf so gut wie Zarah Leander und Marlene Dietrich. Nie sind die Zitate Eustaches nur Beiwerk, und so sehr der Protagonist mit ihnen beeindrucken will, so sehr ist er selbst ein Zitat seiner Zitate.

Auch wenn dieser Léaud kein Alter Ego von Eustache ist wie der Léaud Truffauts, der autobiografische Aspekt ist unübersehbar. In „Le père noël a les yeux bleus“ gehört Daniel zu einer Gruppe junger Müßiggänger in Narbonne, der Stadt, in der Eustache aufgewachsen ist. Auch hier steht die Zeit still im Einerlei der jungen Erwerbslosen, deren Utopie es ist, einen Dufflecoat zu erwerben, weil der gerade Mode ist. Oder sie beschließen die Silvesterfeier mit einem gemeinsamen Bordellbesuch. Die Zeit vor dem Mai ist die Zeit nach dem Mai, Narbonne 1965/66 ist auch das Paris vom Anfang der Siebzigerjahre.

Die Schwermut und die Melancholie der Filme Eustaches – sie sind niemals Stimmung, sondern Handschrift. Nicht umsonst ist Schwarzweiß seine Lieblingsfarbe, die Kamera bleibt in jedem Sinne ungerührt. Gesten des Stummfilms wie die Pausen betonenden Ab- und Aufblenden kommunizieren schwerelos mit langen Monologen, in denen Paris zum verbalen Ereignis und Objekt der schieren Syntax wird. Oder, immer wieder, die Sexualität. „Une sale histoire“ evoziert die Bilder einer voyeuristischen tour de force durch nichts als Worte, die am Ende nichts von der Unappetitlichkeit der erzählten Obsession zurücklassen. Bis zur vollendeten Abstraktion, in der das Loch in der Tür zum Nucleus der Tür, der Toilette, des Kellers, des schäbigen Cafés, des ganzen Gebäudes wird.

„Une sale histoire“, die schmutzige Geschichte, wird zweimal erzählt, mit nahezu gleichem Wortlaut: in 16 und in 35 Millimeter gedreht, fast amateurhaft der eine, hoch professionell der andere Teil. In unreinen Farben stellt sich der eine als Dokumentarfilm dar, die 35mm-Version als Inszenierung mit dem Schauspieler Michaël Lonsdale. Vorlage und Ausführung, Skizze und Werk? Nein. Eustache hat die Reihenfolge umgedreht und erreicht damit jene Irritation, die Markierungen wie „echt“ und „unecht“ als die unendlich schöne Lüge des Kinos entlarven. Alexander Kluge hat seine „facts&fiction“ erst 20 Jahre später erfunden.

Bis 30. April. Weitere Informationen unter www.fdk-berlin.de

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