Kultur : Glühendes Eis

ROMAN RHODE

Vielleicht war es tatsächlich diese betörend klare Obertonstimme, die alle dunklen Wolken wie von Geisterhand plötzlich in die Höhe drückten.Der gläserne Abendhimmel, gepaart mit nordischer Sommerfrische, gab jedenfalls die perfekte Kulisse zum Joikgesang der Norwegerin.Entrückt und präsent zugleich stand die kleine blonde Sängerin vor dem Halbrund der ehemaligen Kongreßhalle, und rief mit langgezogenen Vokalen und butterweichen Konsonanten die Stimmen ihrer Vorfahren an.Es sind die Geister der Samen, der kolonial gepeinigten Ureinwohner Lapplands, die zu ihr sprechen sollten."Mari Boine", so heißt es lakonisch in der Veranstaltungsbroschüre, "erinnert in ihrer Musik daran, daß die Samen heute nicht nur von Rentierzucht leben, sondern in der Moderne angekommen sind".In Lappland allerdings hat "die Moderne" eigenartige Kapriolen geschlagen.Im Fall von Mari Boine setzte sie eine Nord-Süd-Wanderung in Gang, die über das Trondheimer Konservatorium bis hin zu den wichtigen Jazzfestivals in Mitteleuropa führte.Den archaischen Joikgesang versorgte "die Moderne" mit rhythmischem Zündstoff und hat ihm sogar einen peruanischen "Südsamen" hinzugefügt, der auf der Bühne einen harten Luftstrom gegen die Rohrkanten seiner andinen Flöten schickte.All das aber ist mehr als Schamanismus im Zeitalter der Globalisierung.Obwohl die Meditationen von Mari Boine stellenweise auch das musikalische New Age beschwören, sind doch die ebenso ausgefeilten wie ausgelassenen Improvisationen ein launiges Kind des Jazz.Oder ein quirliger Neffe des Rockjazz.Denn die mächtig rollenden Baß-Etüden und die elektronisch verfremdeten Klänge der Gitarren erinnerten an die Experimente britischer Gruppen à la King Crimson.Somit steht traditionelle Musik aus Nordskandinavien bei Mari Boine im Hintergrund.Offenbar läßt sich Trance selbst am Polarkreis wunderbar durch eine afrikanische Djembé-Trommel herbeiführen.Warum auch nicht? Hauptsache, der Groove stimmt.

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