Kultur : Glühwürmchen im Glück

Inka M. Lehmann

Auftritt ein Paar in Rot. Ein Kuss, Dunkel. Mit einem Text des New Yorker Schauspielers und Dramatikers Wallace Shawn ("Mein Essen mit André") ging das sehr informative zweite Festival internationaler neuer Dramatik an der Berliner Schaubühne zu Ende. Die szenische Lesung von "Our Late Night", Shawns erstem Stück, hat James Macdonald, der Sarah Kane-Regisseur des Royal Court Theatre London eingerichtet, mit den Schauspielern Christian Ahlers, Justine del Corte, Jörg Hartmann, Cristin König, Ronald Kukulies, Linda Olsansky und Mark Waschke. Leider merkt man dem Text aus den siebziger Jahren sein Alter an, sein Konfliktstoff hat an Brisanz verloren.

Drei Frauen und vier Männer wollen sich einen vergnüglichen Abend machen. Das Mittel dazu: Sex. Unablässig redet man über Sex und bricht damit wahrscheinlich noch einige Tabus der damaligen Zeit. Alles darf gesagt werden. Doch die ersehnte Erlösung will sich nicht einstellen, stattdessen tritt Ekel ein. Eine heult, einer kotzt.

Glühwürmchen tanzen auf der Betonwand, Menschen mit Tiermasken winken den Zuschauern zu. Wenn es dunkel wird, wiehert ein Pferd. Ein altes Ehepaar betrauert den Tod seines Kindes und sucht am Fluss Glühwürmchen. "Kami wo Kakiageru" (Glühwürmchen) heißt das neue Stück des Japaners Suzue Toshiro, das der australische Regisseur Benedict Andrews als szenische Lesung präsentiert. Es setzt sich zusammen aus scheinbar voneinander unabhängigen Szenen, die sich erst mit der Zeit zu einem Ganzen zusammen fügen. Immer geht es um Menschen, die ihrer Einsamkeit entfliehen wollen, Glücksuchende, die nicht bereit sind, es sich leicht zu machen. Sie bewahren sich das Misstrauen gegenüber den eigenen Gefühlen. Es ist eine Komödie aus Absurdität und Romantik, die immer auf Distanz bleibt zum Zuschauer. Die Veranstaltung, gelesen von den Schauspielern Robert Beyer, Lars Eidinger, Claudia Hübbecker, Julika Jenkins, Johanna Marx, Bernd Stempel und Tilo Werner ist so verwirrend und amüsant chaotisch, als hätte sie das Leben selbst diktiert.

Anders heißt nicht besser

Wulf Twiehaus, der in dieser Spielzeit an der Schaubühne Jon Fosses "Traum im Herbst" inszenierte, hat die szenische Lesung von "Juoksuaika" (Brunftzeit) des finnischen Autors Harri Virtanen eingerichtet. Er zeigt das Stück als spießige Bäumchen-wechsel-dich Geschichte, ganz im Kontrast zu einem Text, der durchaus nicht so spießig ist wie die Sehnsüchte, die er verhandelt. Zwei befreundete Ehepaare pflegen ihr kleines Glück: Arbeit, Freizeit, Freundschaft, Pferdewetten. Bis Alissa ausbricht. Von ihrem Masseur und Heilsverkünder verspricht sie sich das große Glück der Erotik. Damit tritt sie eine Lawine los: Bald sucht jeder in wechselnden Konstellationen seine Selbstverwirklichung bei einem oder einer anderen. Das Stück ist eine Farce. Eine kraftvolle. Hinter scheinheiliger Selbstzufriedenheit - "Wir sind glücklich, wenn wir anderen helfen können",- verbirgt sich gähnende Langeweile und der immer wieder formulierte Wunsch, endlich möge etwas passieren. Als etwas passiert, lernen die Beteiligten (gelesen von Cathlen Gawlich, Jörg Hartmann, Tim Lang, Astrid Meyerfeldt, Jutta Vachowiak, Axel Wandtke, Mark Waschke) tatsächlich aus den Entwicklungen, nur es nützt es ihnen nichts. Am Ende stehen sie anders da, nicht besser. Die einzige Erfahrung von Wert mag es sein, dass das Leben ohne Hoffnung lebenswerter ist: "Vielleicht schaffen wir uns jetzt Kinder an, wo das Leben sowieso im Arsch ist."

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