Kultur : Glut in den Augen, nicht im Herzen

„Die Versuchung des Padre Amaro“ nach einem Roman von Eca de Queirós ist der erfolgreichste mexikanische Film aller Zeiten

Frank Noack

CITY LIGHTS

Vor einer Woche hat Paolo Pasolinis letzter Film Die 120 Tage von Sodom (1975) seine Wiederaufführung erlebt. Für langjährige Bewunderer handelte es sich allerdings nicht um eine Wiederaufführung, sondern um eine Premiere. Schließlich war dieser niveauvollste Ekelfilm aller Zeiten seit über zwanzig Jahren nur in zerkratzten Kopien zu sehen. Da Pasolini bis dahin aus politischer Überzeugung Dilettantismus vor und hinter der Kamera kultiviert hatte, schienen auch die technischen Mängel der „120 Tage“ beabsichtigt zu sein. Waren sie aber nicht! Die restaurierte Fassung, die jetzt gezeigt wird, wirft ein völlig neues Licht auf den Regisseur. Obwohl er schildert, wie 1945 hilflose Jugendliche von italienischen Faschisten gedemütigt, wie Exkremente verspeist und Körper verstümmelt werden, handelt es sich zugleich um einen Film, mit erlesenen Bildkompositionen (Kamera: Tonino Delli Colli), berauschenden Kostümen (Danilo Donati, der sonst für Fellini arbeitete) und hervorragenden Darstellern. Die hinreißend verdorbene Caterina Boratto hat selbst noch unter Mussolini Filme gedreht; sie verkörpert eine von drei Erzählerinnen, die mit pornographischen Erlebnisberichten für Stimmung sorgen. Ein Hoch auf die Restaurateure, dank deren Arbeit die sprachliche und visuelle Präzision Pasolinis zur Geltung kommt! (bis Mittwoch in Broadway D, FT am Friedrichshain und Xenon)

In Aufsätzen über DEFA-Filme ist fast immer nur vom Inhalt und den wunderbaren Darstellern die Rede und fast nie von der Bildgestaltung. Dabei gab es in der DDR ein paar Kameramänner, die mehr als nur Planerfüllung zu bieten hatten. Der 1938 geborene Jürgen Brauer war so einer. Für Heiner Carows Szenen einer DDR-Ehe, Bis dass der Tod euch scheidet (1979), veranstaltete er grandiose Farbspiele, die die Realitätsnähe des Dramas in keiner Weise beeinträchtigt haben. Ein Film mit Katrin Saß, der sich Renate Krössner und Angelica Domröse für Nebenrollen leisten kann, hat eigentlich keine starken Bilder mehr nötig. Brauer hat sie dennoch geliefert (Montag bis Mittwoch im Lichtblick).

Für eine streng dokumentarische Tradition der DEFA stehen Barbara und Winfried Junge, die mit Eigentlich wollte ich Förster werden - Bernd aus Golzow bereits den siebzehnten Teil einer Langzeitchronik präsentieren. 1961 wurde das Projekt begonnen, das die heutigen Doku-Soaps vorwegnahm, und es dürfte in der Filmgeschichte kein längeres geben. James Bond gibt es erst seit 1962. Kenner der Golzow-Reihe werden sich an den elfjährigen Bernd erinnern, der im achten Teil „Lebensläufe“ (1980) über seine Berufswünsche sprach. Er ist dann nicht in den Wald gegangen, sondern in das VEB Petrochemisches Kombinat. Seine Träume und ihr Scheitern laden auch den West-Zuschauer zur Identifikation ein. (Berlinpremiere heute um 20 Uhr im Toni am Antonplatz. Die Regisseure und Hauptdarsteller werden erwartet.)

Von Sibylle Salewski

Ein kleines mexikanisches Bergdorf, ein Drogenboss, in den Bergen kämpfende Guerillas, eine verführerische junge Dorfschönheit, ein gut aussehender junger Priester und ein alter, korrupter Padre. Aus diesen Zutaten strickt Carlos Carrera „Die Versuchung des Padre Amaro“, ein Melodram und Lehrstück über die heuchlerische Moral der katholischen Kirche. Der Film basiert auf einem Roman des Portugiesen José María Eca de Queirós aus dem Jahr 1875, dessen Handlung ins heutige Mexico verlegt wird.

Der junge, naive Padre Amaro (Gael García Bernal) soll den alten Dorfpriester in der abgelegenen Gemeinde Los Reyes unterstützen. Schnell muss er erkennen, dass er in einem Schlangennest gelandet ist: Der Padre hat seit langem eine Affäre mit der Restaurantbesitzerin, das neue Krankenhaus wird mit gewaschenem Drogengeld finanziert, ein weiterer Priester arbeitet in den Bergen mit den Guerilleros zusammen.

Man könnte meinen, das alles würde den charismatischen Jungpriester mit dem verschleierten Blick schockieren, doch überraschend bereitwillig lässt er sich auf die korrupten Machenschaften ein. Als eine Zeitung über die Verwicklungen der Kirche mit den Drogenbossen schreibt, zwingt Padre Amaro die Redaktion im Auftrag des Bischofs, eine Gegendarstellung zu drucken, wohl wissend, dass der Artikel der Wahrheit entsprochen hatte. Lange dauert es dann auch nicht mehr, bis der junge Priester der 16-jährigen Amelia verfällt, der Tochter der Restaurantbesitzerin. Kurze Zeit kann er die Affäre geheim halten, dann wird Amelia schwanger. Amaro ist nicht bereit, für sie seine kirchliche Karriere aufzugeben, die Katastrophe nimmt ihren Lauf.

Es ist der Stoff für eine Seifenoper, und tatsächlich erinnert der hochpolierte Film an lateinamerikanische Telenovelas. Hauptdarsteller Gael García Bernal mit seinem schuljungenhaften Charme hat seine Karriere als 14-Jähriger denn auch bei einer mexikanischen TV-Seifenoper begonnen, bevor er mit „Amores perros“ und „Y tu mamá también“ international bekannt wurde.

„Die Versuchung des Padre Amaro“ ist der erfolgreichste mexikanische Film aller Zeiten und war für den Oscar als bester fremdsprachiger Film nominiert. Einen Teil seines Erfolgs verdankt der Film dem heftigen Widerstand der katholischen Kirche in Mexiko. Sie hatte zum Boykott aufgerufen und dadurch die Zuschauer in Scharen ins Kino getrieben. Dabei geht die Kritik an der Kirche nicht über die allgemeine These hinaus, Zölibat und unterdrückte Leidenschaft machten die Menschen böse und kaputt. Carlos Carreras Film ist weder ein Skandal, noch hätte er einen Oscar verdient. Aber ein gut erzähltes Unterhaltungsstück über Leidenschaft und Macht, Versuchung und menschliche Schwäche ist es geworden, mit schönen Hauptdarstellern und charaktervollen Nebenrollen.

Broadway, Central, Kulturbrauerei, Neue Kant Kinos, Passage, Kosmos, Babylon (OmU), Cinestar Sony-Center (OmenglU)

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