Kultur : Glut und Böse

Crockett und Tubbs tragen jetzt Bärte: Michael Manns düsterer Großstadt-Thriller „Miami Vice“

Christian Schröder

Was macht eigentlich Don Johnson? Sein letzter Kinofilm „Goodbye Lover“, vor acht Jahren gedreht, kam in Deutschland nicht ins Kino. Zuletzt tauchte der Schauspieler in Polizeimeldungen auf. Als er im November 2002 die deutsch-schweizerische Grenze passieren wollte, fanden Zollbeamte Bankbelege über acht Milliarden Dollar in seinem Wagen. Der Fall roch nach Geldwäsche. Berühmt geworden war Johnson als Detective Sonny Crockett in der Fernsehserie „Miami Vice“, der mit seinem von Philip Michael Thomas gespielten Kollegen Rico Tubbs Drogenbarone und Waffenschmuggler jagte. Der weiße Beau und der schwarze Tough-Guy: ein unschlagbares Duo. Sie erschienen in Armani-Anzügen und setzten durch, dass fortan in der gesamten westlichen Welt T-Shirts zum Sakko getragen werden durften. Die achtziger Jahre waren das Jahrzehnt der Gier nach Geld, Mode und Drogen, und zuletzt schien Johnson von dieser Gier eingeholt worden zu sein.

Wer die „Miami Vice“-Episoden gesehen hat, wird sich auch in dem Film schnell zurechtfinden, den Michael Mann – damals der Produzent der Serie – nun fürs Kino inszeniert hat. Miami ist die grelle, aggressive, meist nachtschwarz gezeigte Stadt geblieben, die sie schon vor zwanzig Jahren war. Nur dass in den Nachtclubs, in denen die Mafiabosse ihre Deals verabreden – der Film beginnt mit einem scheiternden Polizeieinsatz in einer Diskothek –, jetzt harter Gangsta-Rap läuft. Und die Niemandsland-Locations, in denen die Deals dann vollzogen werden, die Parkplätze und Industriebrachen, auf denen Koffer übergeben und Agenten erschossen werden, sehen noch etwas kaputter aus.

Das Böse, das ist den körnigen Digitalbildern von Manns Film von der ersten Einstellung an zu entnehmen, nimmt überhand. Seinen Ursprung hat es nur ein paar hundert Kilometer südlich der Keys von Florida, in der schwülen Halbanarchie Mittelamerikas, wo die Multis des internationalen Drogenhandels den Nachschub von Kokain, Heroin und Kalaschnikows für den US-Markt organisieren.

Crockett und Tubbs sind jetzt Colin Farrell und Jamie Foxx. Sie fahren – selbstverständlich wie ihre Vorgänger Don Johnson und Philip Michael Thomas – einen offenen Ferrari Daytona Spyder, sie tragen superelegante Anzüge, die allerdings, der Mode folgend, farblich etwas blasser ausfallen. Die wichtigste ästhetische Innovation: Bärte. Vor allem Farrells wild wuchernder Oberlippenschnauz könnte Maßstäbe setzen. Dieser Crockett, ein Edelproll im Yuppie-Gewand, benutzt mit Vorliebe F***-Worte und fährt einen Vorgesetzten an: „Ihre Sicherheit ist im Arsch.“ Sein Bart signalisiert die Rückkehr der Wildheit in die hedonistische Welt der Designerwaren und Mojito-Cocktails.

Crockett und Tubbs werden in einen Drogenring eingeschleust, in dem sie sich bis zum Paten vorarbeiten sollen. Gut und Böse lassen sich, eine Film-Noir-Tradition, in „Miami Vice“ nur schwer unterscheiden. Deshalb dürfen die beiden Undercover-Agenten niemandem trauen, ihren Gegnern nicht und erst recht nicht ihren vermeintlichen Verbündeten. Die Gefahr schweißt sie zusammen, ihre Männerfreundschaft gründet auf dem Gefühl absoluter Zuverlässigkeit und kommt ohne viele Worte aus. Floskeln wie „Was geht?“ oder „Alles im grünen Bereich?“ sind fast schon Liebeserklärungen. Frauen würden die homoerotisch aufgeladene Konstellation auf Dauer nur stören.

Tubbs hat zwar eine Freundin, doch die Liebesszene unter der Dusche, mit der er sich vorm Aufbruch Richtung Kolumbien von ihr verabschiedet, wirkt, unterlegt mit softem R & B, wie eine aseptische Shampoo-Werbung. Crockett, immer noch ein Schwerenöter mit Bildungsproblem, verliebt sich ausgerechnet in die von Gong Li gespielte Geliebte des Drogenkönigs. Das führt zwar zu einem pittoresken Speedboat-Ausflug nach Havanna, aber zwischen dem derben Colin Farrell und der kühlen Gong Li funkt darstellerisch überhaupt nichts. Die schönsten Momente des Films finden ohnehin auf dem Wasser statt, wenn Crockett und Tubbs in ihren Hochgeschwindigkeitsbooten durch die Wellen hüpfen, über sich der strahlende Karibikhimmel, weiße Gischt hinter sich herziehend. Große-Jungs-Kino. Das Ende: ein meisterhaft choreografierter, zwanzigminütiger Shootout in der Peripherie von Miami. Kein schlechter Film, aber an die Klasse seiner Thriller „Heat“ und „Collateral“ reicht Michael Mann mit diesem Remake nicht heran. Die Fernsehserie hätte eigentlich genügt.

In 18 Berliner Kinozentren

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