Kultur : Glyndebourne Festival: Der britische Geist

Jörg von Uthmann

Sie hat ihren eigenen, dekadenten Charme, die Anreise nach Glyndebourne. Der überfüllte Zug, die feinen Herrschaften im Smoking und langen Abendkleid mit ihren Picknickkörben und Schottendecken inmitten müder Werktätiger, die von der Arbeit in ihre Vororte heimkehren ... Das eigentümliche Gefühl aber verfliegt sofort, wenn der Zug auf halber Strecke stehen bleibt. In Haywards Heath unterrichtet ein Lautsprecher die Passagiere, die zweite Schicht des Personals sei leider nicht zur Arbeit erschienen, man möge doch bitte aussteigen und auf den nächsten Zug warten. Hätte eine geistesgegenwärtige, mit den Fährnissen des britischen Eisenbahnnetzes besser vertraute Kollegin nicht blitzschnell ein Taxi organisiert - wir wären ebenso atemlos zur Premiere erschienen wie viele Schicksalsgenossen.

Die Hauptperson des neuen "Fidelio" freilich steht nicht auf der Bühne, sondern im Orchestergraben. Simon Rattle befeuert das Orchestra of the Age of Enlightenment mit jugendlicher Verve. Schon dabei zuzusehen, wie dieses Energiebündel den Musikern auf die Sprünge hilft, ist ein Vergnügen. Hier erklingt, wie zu erwarten, nicht der majestätische Beethoven längst vergangener Zeiten, à la Furtwängler oder Klemperer, sondern ein Stürmer und Dränger, der noch ganz im 18. Jahrhundert lebt. Dies wiederum hat keineswegs nur mit dem durchweg schlankeren Klang der "Originalinstrumente" zu tun, sondern mit den Zeitmaßen: Rattle beruft sich auf neue musikologische Erkenntnisse und legt zügige Tempi vor.

Dem Singspiel-Geplänkel im Haushalt von Vater Rocco bekommt das gut; dem hoch dramatischen Zusammenprall von Liebesopfer und politischer Intrige weniger. Das flotte Allegretto etwa reduziert den Gefangenenchor, sonst einen der ergreifenden Höhepunkte der Oper, zum Brauvourstück für einen Gesangsverein. Technisch zeigen sich Chor und Orchester von ihrer besten Seite. Selbst die Naturhörner umschiffen die notorischen Klippen mit bewundernswerter Sicherheit.

Das Geschehen auf der Bühne fällt dagegen ab. Dem Dogma unserer Zeit entsprechend wird die Oper in der Originalsprache geboten. Vor einem überwiegend britischen Publikum müht sich ein überwiegend britisches Ensemble mit endlosen Dialogen, deren Aussprache selbst dem muttersprachlich Deutschen Rätsel aufgibt. Mit dem Gesang steht es nicht viel besser. Die Stimmen der meisten Herren sind unattraktiv. Auch Florestan lag uns schon angenehmer im Ohr. Immerhin wird Kim Begley mit den enormen technischen Schwierigkeiten seiner Rolle fertig. Erfreulicher sind die Damen. Marzelline (Lisa Milne) hat ein helles, frisches Organ und ist die überzeugendste Schauspielerin: Wie sie am Schluss, während des großen Jubel-Tableaus, weinend die Bühne verlässt - das ist einer der besten Einfälle der Regie. Die Holländerin Charlotte Margiono in der Titelrolle singt und spricht idiomatisches Deutsch und meistert, begünstigt durch die niedrigere Stimmung des Orchesters, fehlerlos die mörderischen Höhen ihrer Partie. Was ihr abgeht, sind Ausstrahlungskraft und Wärme.

Die überragende Leistung des Abends bietet der den Berlinern nicht unbekannte Glyndebourne-Debütant Reinhard Hagen. Sein Rocco, der klassische Mitläufer und Wendehals der Opernliteratur, steht wie ein Fels in der Brandung. Dass er "schon bald des Grabes Beute" sein werde, kann uns dieser stämmige junge Mann allerdings nicht weismachen.

Deborah Warners zweite Chance

Nach den Inszenierungen von Günther Rennert (1959) und Peter Hall (1979) ist dieser "Fidelio" der dritte, den das Glyndebourne Festival seinem Publikum vorsetzt. Er ist zugleich Deborah Warners zweite Chance, nachdem ihr "Don Giovanni" 1994 auf harsche Kritik stieß. Ihr Grundeinfall für "Fidelio": Es geht es nicht um einen Kampf zwischen Gut und Böse, sondern um ein politisches Tauziehen. "Selbst Mandela, der doch ein lebender Heiliger ist", sekundierte Rattle seiner Regisseurin in einem Interview, "war in einen bewaffneten Kampf verstrickt. Und Pizarro nennt Florestan, den jeder für ein unschuldiges Opfer hält, einen Mörder." Das Programmheft wiederum verweist auf die dem Libretto zugrunde liegenden Anekdote - eine Frau rettet ihren von den Jakobinern zum Tode verurteilten Mann, indem sie sich in sein Gefängnis einschleicht - und darauf, dass "Fidelio" auch in Nazi-Deutschland gern gespielt wurde: Hitler wurde eben nicht mit Pizarro gleichgesetzt, sondern mit Florestan. So verschwimmt die Welt der Gefangenen mit der ihrer Wärter.

Der allgegenwärtige Maschendraht behindert den Direktor der Anstalt ebenso wie deren Insassen. Pizarro tritt nicht in Uniform auf, sondern in Freizeitkleidung. Am Ende, während es schneit, wird er von der Menge gelyncht. Ist es nur der Schnee von gestern, der da fällt?

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