Kultur : Gnädig umgebracht

SANDRA LUZINA

Taffe Ladies: "Sister in Crime" in der Berliner literaturWERKstattVON SANDRA LUZINACool schreiben über gemeine Verbrechen soll sie, die neue Krimiautorin, nach der ein deutscher Verlag zusammen mit einer Frauenzeitschrift derzeit fahndet.Fast jeder Verlag hat mittlerweile eine Frauenkrimi-Reihe; wenn neue Ermittler ihre literarische Spurensuche aufnehmen, sind sie fast immer weiblichen Geschlechts.Der Frauenkrimi mit seinem Aufgebot an Detektivinnen, Komissarinnen und Amateur-Schnüfflerinnen steht immer noch hoch in der Leser- und vor allem Leserinnengunst.Längst haben sie sich zur Berufsorganisation "Sisters in Crime" zusammengeschlossen."Sisters in Crime" nennt sich auch eine kleine Lesereihe in der literaturWERKstatt berlin, die norwegische, deutsche und amerikanische Autorinnen zum transatlantischen Dialog bittet.Dabei soll es nicht nur um die Wahl der Leiche gehen, diskutiert werden Aspekte von Genre und Gender.Seit den achtziger Jahren eroberten die Frauen das Krimigenre, das ja vorwiegend als Männerbastion galt, für sich.Der Frauenkrimi stellt seitdem einen Verhandlungsort über Fragen von Geschlecht, Macht und Gewalt dar, viele Autorinnen haben einen ausgewiesen feministischen Standpunkt.Zunächst kam es in den USA zu einer Invasion von hartgesottenen Privatdektektivinnen.Mit den alten Jungfern der englischen Tradition haben diese zupackenden Ladies nicht gemeinsam, sie sind durch das Stahlbad von Womens Lib gegangen.Auch die Vaterschaft ist klar: sie sind ein weiblicher Gegenentwurf zum hardboiled dick vom Schlage eines Sam Spade oder Philip Marlowe.In Deutschland dagegen treten die kriminalistischen Schwestern die Nachfolge des Fernsehkommissars an.In den Büchern von Sabine Deitmer mußten zunächst ausschließlich Männer über die Klinge springen.Der Typus der Revanche-Mörderin wurde hier ausgebildet, Männer werden dafür bestraft, daß sie Frauen unterschätzen.Mittlerweile hat die Auflagenkönigin dem Faible für Männerleichen abgeschworen.Eine Komissarin wird mit folgen Worten eingeführt: "Mein Name ist Stein, Beate Stein.Ich schieße, trete Türen ein und lasse mich nicht einmachen.Von nichts und niemanden." Im Frauenkrimi dürfen Frauen Männer gegenüber so richtig auftrumpfen, vorexerziert wird, wie die starken Schwestern sich in einer Männerwelt durchsetzen.Ein weiblicher Selbstbehauptungswille läßt sich den Texten ablesen, zudem wird ein Gegengift gegen feminine Liebessucht und Lamentierlust verabreicht.Machokritik via Krimibösartigkeit findet sich nicht nur bei der männermordenden Fraktion.Doch viele Autorinnen munitionieren sich mit Ironie als Waffe - das macht die literarischen Entmannungen erträglich.Ironie statt Empörung, Parodie des Genres sind zudem Kennzeichen der 90er.Was den Leser zum Krimi greifen läßt: er erlaube ihm ein "fiktionales Probehandeln" - es können Positionen von Weiblichkeit und Männlichkeit durchgespielt werden, sagt Gabriele Dietze, Herausgeberin der Krimireihe des Rotbuch-Verlags.Das Subgenre Frauenkrimi kennt diverse Spielarten - eine davon ist der Lesbenkrimi.Mit Katherin V.Forrest und Sarah Dreher lesen zwei der bekanntesten Autorinnen in Berlin.Beide versorgen eine lesbische community mit Identifikationsfiguren.Sexszenen sind obligatorisch im Lesbenkrimi; was einen erröten läßt, ist allerdings die Häufung sprachlicher Klischees.Ein Generationsbruch kündigt sich an."Sexualität spielt eine größere Rolle im Frauenkrimi", so Gabriele Dietze.Die Berlinerin Thea Dorn schickt erotisch aggressive Figuren in den Geschlechterkampf, Frauen jenes Kalibers, die in Männerkrimis dann als Kamikazen-Amazonen-Emanzen auftauchen.Das Romantikverbot gilt aber nicht nur für einsame Wölfe, sondern auch für taffe Ladies: der lover veschwindet im Sonnenaufgang oder wird gnädigerweise umgebracht. Lesungen mit Katherin V.Forrest und Sabine Deitmer (12.5.), Kim Smage und Regula Venske (13.5.), Sarah Dreher und Thea Dorn (14.5.), jeweils um 20 Uhr

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