Kultur : Gnome und Girlanden

Zum Auftakt: eine Nacht mit „Weltklang“.

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Mit neun Gästen einmal um die Welt: Das ist die Idee von „Weltklang“, jener „Nacht der Poesie“, mit der die Berliner Literaturwerkstatt am heutigen Freitag in der Akademie der Künste am Hanseatenweg zum 14. Mal ihr Poesiefestival eröffnet. In der Art, wie es in den jeweiligen Originalsprachen quer durch den ästhetischen Gemüsegarten geht, spiegelt sich zugleich ein Zug aller kommenden neun Tage. Ihr Vorteil liegt darin, alle Spielarten zwischen uravantgardistischer Lautpoesie (der Kanadier Christian Bök) und narrativer Alltäglichkeit (der Spanier Luis García Montero) zu bieten. Ihre Tendenz, den Gegensatz von Kunstautonomie und politischem Engagement, purem Sound und konzentrierter Gedanklichkeit, Oralität und Schriftlichkeit, zu verwischen, zeugt aber auch von einem programmatischen Unwillen, Schwerpunkte zu definieren.

Auf die Entdeckung einer terra incognita, die sich an geografischen Distanzen bemisst, darf man dabei nicht setzen. Der Südtiroler Oswald Egger ist mit seinen „Gnome“ genannten Rätselsatzstummeln befremdlicher als die Spoken-Word-Artistin TJ Dema aus Botswana. Und die grafisch aufgeladene Konzeptkunst von The Maw Naing aus Myanmar lebt erkennbar von europäischen Einflüssen. (Weitere Infos unter www.poesiefestival.org)

Was ist schon nah, was fern? Als die amerikanische Dichterin Jorie Graham gefragt wurde, ob sie ihre die Hochmoderne beerbende Lyrik nicht als schwierig empfinde, antwortete sie mit einem klaren Nein. Die Klage über das Unzugängliche von Poesie gehe vor allem auf die Anthologienflut zurück. Grahams Argument ist stark: Liest man von einem großen Autor ein einziges Gedicht, hat es womöglich den Charakter einer Fremdsprache. Erst im Kontext eines Werks deutet es sich selbst. Die hier gedruckten „Weltklang“-Gedichte des Schotten Don Paterson und des Israelis Natan Zach, 1930 als Harry Zeitelbach in Berlin geboren, sind gegen diesen Verdacht immun. Er, der krankheitsbedingt absagen musste, wäre vielleicht der Star des Abends gewesen. Sein Text ist ein würdiger Stellvertreter. Gregor Dotzauer

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