Go West! : Mahler Chamber Orchestra tritt kaum in Berlin auf

Seit seiner Gründung 1997 wird das Mahler Chamber Orchestra von Berlin aus gemanagt. Doch die Auftritte des Ensembles in der deutschen Hauptstadt lassen sich bis heute an einer Hand abzählen. Für ein subventionsfrei geführtes Künstlerkollektiv wie das MCO ist das hiesige Ticket-Preisniveau einfach zu niedrig.

Frederik Hanssen

Um überleben zu können, muss sich das 43-köpfige Orchester teuer verkaufen – und das geht eben nur bei Edelfestivals oder in Städten mit großbürgerlicher Klientel. Darum kann man das Mahler Chamber Orchestra mit seinem Chefdirigenten Daniel Harding oder mit Claudio Abbado, der einst die Gründung des MCO aus den Reihen seines Gustav Mahler Jugendorchesters anregte, im Sommer regelmäßig in Luzern oder Aix en Provence hören sowie in den reichen norditalienischen Städten Ferrara, Bologna und Reggio Emilia.

Während der künstlerische Höhenflug des international gefeierten Ensembles keine Grenzen zu haben scheint, muss sich das Management derzeit ernstliche Sorgen machen. Denn wenn die Wirtschaftskrise die Kultur erreicht, wird es die freien Träger als Erstes und am härtesten treffen. Staatliche Institutionen mögen unter Sparvorgaben stöhnen – zumindest die Gehälter sind sicher. Das auf Projektbasis arbeitende Mahler Chamber Orchestra dagegen wird nur für seine Auftritte bezahlt – wenn Festivals und Kommunen geplante Gastspiele absagen, gehen die Musiker leer aus. Wer nicht spielen kann, sieht auch keinen Cent.

Noch sind keine Hiobsbotschaften im MCO-Büro am Südstern eingetroffen, erklärt Intendant Andreas Richter. Aber es dürfte nur noch eine Frage der Zeit sein, bis auch im Konzertbusiness die Stimmung von Dur auf Moll umschlägt. Umso mehr freut sich Richter, dass er gerade einen Deal mit Nordrhein-Westfalen einfädeln konnte: Mindestens drei Jahre lang werden die Landesregierung und die Kunststiftung NRW das MCO mit 600 000 Euro pro Saison fördern. Dafür präsentiert das Orchester individuell entwickelte Programme in den Konzerthäusern von Köln, Essen und Dortmund. Initiator dieser NRW-„Residenz“ ist Dortmunds Intendant Benedikt Stampa: „Ich bin seit langem ein Fan der Truppe“, sagt er im Gespräch mit dem Tagesspiegel, „weil sie für mich das Sinnbild moderner Orchesterkultur ist.“ Weil die Mitglieder sich bewusst gegen eine Festanstellung entschieden haben, weil sie für jedes Projekt aus 20 verschiedenen Ländern zusammenströmen, kann sich gar keine Routine einstellen, findet Stampa.

Auch mit Förderprojekten für den Publikums- wie den Profinachwuchs soll das MCO in den kommenden Jahren Köln, Essen und Dortmund beglücken. Außerdem hofft das Land auf einen Botschafter-Effekt, wenn die Musiker bei ihren weltweiten Tourneen vom Kulturförderer NRW schwärmen werden. Zum Start gibt es bereits im Mai einen konzertanten „Freischütz“, dirigiert von Thomas Hengelbrock. Frederik Hanssen

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