Kultur : Godzillas Herausforderer

CHRISTIAN SCHRÖDER

Lola rennt.Gegen die Uhr.Gegen die Angst.Wenn sie nicht bis Punkt zwölf Uhr bei Manni an der Telefonzelle ist, dann wird der eine große Dummheit machen.Dann wird Manni in den Supermarkt gehen.Mit der Pistole in der Hand.Lola läuft.Lola sprintet.

Tom geht.An der Hochbahn entlang.Durch glamourlose Seitenstraßen.Beim Gehen erzählt er.Von der "Leidenschaftlichkeit", die das Wichtigste sei bei jedem Beruf, vor allem aber beim Filmemachen.Von seinem Vergnügen an "Kirmesfilmen", vom süßen Schauder im Kinosessel, nachts in der Spätvorstellung um 23 Uhr 30.An der Kurfürstenstraße bleibt er kurz stehen.Eine Nutte zerbröselt Brot und wirft es auf den Asphalt.Aber nicht ein einziger Vogel kommt."Bizarre Szene", sagt er.Tom stromert.Tom schlendert.

Tom Tykwer ist Filmregisseur.Sein neues Werk heißt "Lola rennt".Tykwers Filme bekommen Preise bei Festivals und enthusiastische Besprechungen in den Zeitungen.Aber Tykwer will kein Kino machen bloß für Kritiker und Cineasten.Er will den Erfolg, das große Publikum.Über Steven Spielberg spricht er mit der größten Leidenschaftlichkeit.Wie der im "Weißen Hai" um Roy Scheider einen ganzen "Figurenkosmos" aufgebaut habe: toll.Wie der in der "Unheimlichen Begegnung der dritten Art" das Fremde auftreten lasse, so daß es einem vertraut wird, aber gleichzeitig fremd bleibt: fantastisch."Jurassic Park" sei nicht mehr so gut gewesen, da habe die Figurenkonstellation nicht mehr funktioniert."Vielleicht", sagt er, "kann ich ihm das alles einmal selber erzählen." Möglicherweise kann er das schon recht bald tun: "Lola rennt", der am 20.August in die deutschen Kinos kommt, wird Anfang September als deutscher Beitrag bei der Biennale von Venedig ins Rennen um einen "Goldenen Löwen" starten.Am Abend vorher läuft dort - außer Konkurrenz - "Saving Private Ryan", der neue Film von Spielberg.Drei Jahre lang ist kein deutscher Film mehr im Wettbewerb von Venedig gezeigt worden.Schon dröhnt der Jubel: Nach Jahren der Nabelschau und des Komödien-Starrkrampfes gilt das deutsche Kino wieder etwas in der Welt.Endlich!

Die derzeit größte Hoffnung des deutschen Films trägt weiße Beach-Boys-Jeans, ein grünes T-Shirt, darüber eine schwarze Jeansweste, darüber eine blaue Jeansjacke.Er redet mit aufgekratzter Stimme, in jedem Wort schwingt Energie.Filmemachen ist für Tykwer kein Luxus.Sondern eine Notwendigkeit.Wie Atmen, Essen, Trinken."Ganz egal, ob früher die Super-8-Dinger oder heute eine Millionen-Mark-Produktion: wenn ich einen Film drehe, dann stecke ich immer alles an Kraft hinein, was ich in mir fühle." Tykwer hat Ziele.Und er weiß, wie er sie erreicht.So wie Lola, die renntrenntrennt, um Manni, ihren Freund, zu retten.

Tykwer ist ein Filmemacher, der aus dem Kino kommt, nicht von der Hochschule.Mit 19, gleich nach Abi und Zivildienst, hatte er sich bei drei Filmakademien beworben.Alle drei lehnten ihn ab.Heute ist er 33 und sagt: "Wahrscheinlich hätte ich mich damals auch abgelehnt.Ich war noch nicht soweit." Angefangen hat alles schon viel früher.Seinen ersten Godzilla-Super-8-Streifen drehte er in seinem Kinderzimmer in Wuppertal, da war er elf.Später ging es so oft ins Kino, bis ihn der Besitzer - "das war für mich der superheilige Typ" - eines Tages fragte, ob er nicht für ihn arbeiten wolle.Tykwer wurde Kartenabreißer, dann Programmacher.Als er 16 war, bekam er den Generalschlüssel für das Kino.Tykwer beugt sich über den Tisch - wir sitzen inzwischen im Café Einstein - und fragt: "Kannst du dir das vorstellen - mit 16?!"

Nein, natürlich nicht.Einen Generalschlüssel für ein Kino zu haben: das ist der Weg ins Schlaraffenland.Denn das heißt: Stroheim und Bergman, Godard, Truffaut und Rohmer, Hawks, Wyler, Cukor und Coppola.Ein "Filmverspachtler", sagt Tykwer, sei er gewesen.Film um Film hat er geguckt, bis in die Morgenstunden hinein.Nur, daß er dann in der Schule immer "weggeratzt" sei.Auch als er aus Wuppertal nach Berlin gezogen war, blieb er Filmfreak.Einer, der mehr im abgedunkelten Kinosaal lebte, dieser Gegenwelt, als in der wirklichen Wirklichkeit.Statt an der Freien Universität seinem Studium der Philosophie nachzugehen (nach drei Semestern abgebrochen), zeigte er lieber als Programmchef im Kreuzberger Kino Moviemento seine Lieblingsfilme.Und die Filme von Jaques Rivette mochte er genauso wie die von, sagen wir, George Lucas.Aus dieser Zeit rührt Tykwers Film-Philosophie."Ich mag die Unterscheidung zwischen U-Kultur und E-Kultur nicht.Aus U und E muß Ü werden." Der Hitchcock-Bewunderer will Filme machen, die "maximal anspruchsvoll" sein sollen, "so sinnlich und leidenschaftlich, wie es geht, und trotzdem eine maximale Komplexität in sich bergen." Das Wort "maximal" benutzt er überhaupt sehr gerne.

Jetzt springt Tykwer aber erst einmal auf, um Heino Ferch zu begrüßen, der zufällig auch da ist.Sie umarmen sich so herzlich, wie man es von einem Regisseur und seinem Schauspieler auch erwarten darf.Ferch sagt noch, daß Tykwer sich unbedingt die "Fotos von Franka" angucken solle, die in der neuen "Gala" seien.Franka, muß man wissen, ist Franka Potente, der Star aus "Lola rennt" und seit den Dreharbeiten auch Tykwers Freundin.Wo waren wir stehengeblieben?

Film ist ein Mannschaftssport.Auch der brillianteste Spielmacher braucht gute Mitspieler, damit Tore fallen.Tykwer hat ein Team im Rücken, das aus etwa 30 bis 50 Leuten besteht.Dazu gehören Schauspieler wie Heino Ferch, der Kameramann Frank Griebe und der Produzent Stefan Arndt.Griebe war Vorführer im Alhambra-Kino im Wedding, als er Tykwer über den Weg lief.Er stand bei einigen Kurzfilmen und dann auch bei allen drei Langfilmen Tykwers hinter der Kamera.Und Arndt war Chef des Sputnik-Kinos, gewissermaßen der Konkurrenz von Tykwers Moviemento, als er den Regisseur traf.Er brachte die 850 000 Mark zusammen, die es 1993 brauchte, um Tykwers ersten abendfüllenden Spielfilm zu produzieren.Der Film hieß "Tödliche Maria", war ein Kammerspiel um eine vereinsamte Frau und wurde ein Überraschungserfolg.

Seit drei Jahren gibt es nun "X-Filme", die Produktionsfirma, die von Tykwer und Arndt sowie den beiden Regisseuren Wolfgang Becker und Dani Levy gegründet wurde.Ein 1.FC Filmkunst sozusagen.Vorbild: "United Artists", das von Chaplin und Griffith aus der Taufe gehobene Autoren-Filmstudio."Man muß die Einzelkämpferpose überwinden", sagt Tykwer, "die Branche ist extrem diskursarm geworen.Ich bin ein Laberkopp, mir hilft es zu diskutieren." Aber die X-Filmer reden nicht nur: Fünf Filme sind bislang fertig, darunter als größter Publikumshit Beckers "Das Leben ist eine Baustelle" (an dessen Drehbuch Tykwer mitschrieb).Gerade haben in Hamburg die Dreharbeiten zu "Absolute Giganten" begonnen, dem Regiedebüt des Schauspielers Sebastian Schipper (in einer kleinen Rolle in "Lola rennt" zu sehen).Mit 4,8 Millionen Mark die teuerste X-Film-Produktion war "Winterschläfer", Tykwers zweiter Streich.Ein betörend schönes Melodram über eine Handvoll Um-die-30-Menschen in den Alpen.An der Kinokasse konnte der Film seine Kosten nicht einspielen.Dafür ist er aber unter anderem nach Spanien, Finnland, Brasilien, Südkorea und selbst in die USA (!) verkauft worden.Und Tykwer hat neue Pläne."So vier bis fünf" Stoffe habe er in petto, darunter einen Polizeifilm, einen Psychoschocker und einen Liebesfilm.Am weitesten gediehen ist ein Projekt mit dem Arbeitstitel "Der Chef", ein - so der Regisseur - "düsteres Psychogramm über fünfzig Jahre Deutschland." Tykwer will machen: "Ich habe Hummeln im Arsch".

Jetzt aber "Lola rennt".Der Film kostete bescheidene 3 Millionen Mark, und er hat alles, was ein Kinoschlager braucht: Tempo, Action, attraktive junge Schauspieler, einen vorwärtsdrängenden Soundtrack.Wenn Tykwer sagt, er sei "total stolz" auf "Lola", dann ist das mehr als bloß eine PR-Sprechblase.Denn der Film erfüllt geradezu mustergültig die Vorstellungen seines Schöpfers: maximale Spannung bei maximaler Komplexität.Die Handlung verläuft in einer dramaturgischen Endlosschleife.Dreimal wird dieselbe Episode erzählt mit jeweils völlig anderem Ausgang.Lola rennt, und die Welt um sie herum rast.Was passiert, hängt vom Zufall ab.Es geht um den Moment, das ist - so Tykwer - "die konkrete philosophische Dimension" des Filmes.

Auf eines hofft Tykwer für den Start von "Lola": gutes Wetter."Es darf nicht so heiß sein, daß keiner ins Kino geht." Drei Wochen später startet schon "Godzilla".Und Roland Emmerichs Horrorstreifen wird garantiert manch anderen Film in Grund und Boden stampfen.So ein Mega-Monster schlendert nicht.Ein Mega-Monster trampelt.

Nächste Folge: Sebastian Turner

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