Kultur : „Görings Weihnachtsgruß“

Der Katalog zur Dresdner „Stalingrad“-Ausstellung beschreibt die Alltags- und Erlebnisgeschichte der Beteiligten.

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Stalingrad, so die gängige Auffassung, war der Wendepunkt des deutschen Eroberungskrieges gegen die Sowjetunion. Die historische Forschung sieht es anders. Stalingrad war eine katastrophale Niederlage der Wehrmacht, doch die Wende fand entweder schon beim Scheitern der Eroberung Moskaus Anfang Dezember 1941 statt oder spätestens mit der Niederlage am Kursker Bogen im Spätsommer 1943, die keine einzelne Schlacht war sondern der Zusammenbruch einer gesamten, mehr als 2000 Kilometer langen Front.

Und doch ragt Stalingrad aus dem Krieg im Osten heraus, als Mythos und Menetekel. Hier, in dieser Industriestadt an der südlichen Wolga, hochbedeutend für die Rüstungsproduktion, aber beileibe nicht der Eckpfeiler der sowjetischen Verteidigungsanstrengungen, erhielt der Krieg im Osten einen Namen: den für das definitive Ende der vermeintlichen Unbesiegbarkeit der Wehrmacht. Beide Seiten hatten unbedingte Durchhaltebefehle ausgegeben. Stalin, der bereits am 27. Juli 1942, als die Wehrmacht noch unaufhaltsam gegen die Stadt vorrückte, „Keinen Schritt zurück“ befohlen hatte und per rückwärtige NKWD-Truppen durchsetzen ließ, und Hitler, der die zaghaften Anfragen um Erlaubnis zum Rückzug aus der Ruinenstadt abschmetterte und die Einkesselung der 6. Armee durch die seit dem 19. November 1942 mit einem Millionenheer und überlegener Feuerkraft vorstoßenden Sowjettruppen hinnahm – ohne dass daraus der geringste strategische Nutzen zu ziehen gewesen wäre. Die 6. Armee wurde zerrieben, die Soldaten starben zu Tausenden in den Ruinen der Stadt. Von den 110 000 Überlebenden, die nach den Kapitulationen am 31. Januar und 2. Februar 1943 in Gefangenschaft gingen, kamen nur 5000 zurück.

War das Schicksal der 6. Armee, einer Elitetruppe des Heeres unter dem Befehl des zum Schluss noch zum Generalfeldmarschall ernannten Friedrich Paulus, ein „Opfergang“, wie es jahrzehntelang in Westdeutschland hieß? „Sie starben, damit Deutschland lebe“, titelte der „Völkische Beobachter“ bereits am 4. Februar 1943. Genau zwei Wochen später bellte Propagandaminister Joseph Goebbels in seiner berüchtigten Berliner Sportpalast-Rede die Frage „Wollt ihr den totalen Krieg?“, und die tausenden handverlesenen Jubler sprangen begeistert von ihren Sitzen auf. Aber tatsächlich, meint der Historiker Jens Wehner, markiert das Stalingrad-Fiasko nur die „Talsohle“ der bereits seit 1941 sinkenden Beliebtheit des Führers. Mit der Umstellung auf den nunmehr „totalen“ Krieg und der Hoffnung auf einen weiteren, militärisch erfolgreichen Sommer wuchs die Zustimmung zum NS-Regime zunächst wieder an. So berichten es die geheimen, ungeschminkten Berichte des SD, des Sicherheitsdienstes im „Reichssicherheitshauptamt“ der SS.

All das ist nachzulesen in einem gewichtigen Buch, einem Ausstellungskatalog, der weit über die Anlass gebende Ausstellung hinaus Bestand haben wird. Es ist der Katalog der Sonderausstellung des Militärhistorischen Museums der Bundeswehr in Dresden, unter dem knappen Titel „Stalingrad“. Das Buch spiegelt den gegenwärtigen Forschungsstand, und in der Ausstellung kommt die auratische Kraft der Objekte zur Geltung. Es ist das Ziel der Dresdner Unternehmung, so der Kurator Jens Wehner, die gut erforschte militärische Operationsgeschichte mit der noch kaum erforschten Alltags- und Erlebnisgeschichte der Beteiligten zu verbinden. Nicht der Kadavergehorsam des betont „unpolitischen“ General Paulus, der auf den Befehl zum Ausbruch aus dem Kessel hofft, der nie kommt und ohnehin bereits zu spät gewesen wäre, steht im Mittelpunkt, sondern Kämpfen, Leiden und Sterben der Soldaten beider Seiten – und der Zivilbevölkerung der Industriestadt Stalingrad, die von der deutschen Luftwaffe Ende August 1942 in jene Trümmer gebombt wurde, in denen die 6. Armee verblutete.

Ein wichtiges Ergebnis des Dresdner Vorhabens ist die Herausarbeitung der enormen medialen Begleitung und propagandistischen Verwendung der Schlacht um Stalingrad. Die war im Übrigen, wie der stalinistische Erfolgsschriftsteller Konstantin Simonow trocken festhielt, gar keine Schlacht, denn die fand statt, als sich der Belagerungsring der Roten Armee um ein immerhin 1500 Quadratkilometer großes Gebiet von Stadt, Fabriken und vorgelagerter Steppe schloss. Danach war es nur noch ein Aushungern, während dessen die Kopfstärke der deutschen und der verbündeten rumänischen Soldaten im Kessel von 300 000 auf kaum mehr als ein Drittel davon sank.

Ein ebenso makabrer wie erschütternder Höhepunkt der Bemühungen des NS-Regimes, die im Bewusstsein der sich abzeichnenden Niederlage sinkende Moral der Truppe zu retten, ist das künstliche Weihnachtsbäumchen. Hermann Göring, der Luftwaffen-Oberbefehlshaber, dessen Flugzeuge die großmäulig versprochene Versorgungsluftbrücke zu keiner Stunde sichern konnten, ließ Bäumchen aus Holz und Papier über Stalingrad abwerfen. „Görings Weihnachtsgruß“ förderte allenfalls die Bitterkeit, von der Führung verraten worden zu sein. Ein Bäumchen hat sich erhalten, weil ein Offizier es vorher für sich abzweigte.

Die Feldpostbriefe spiegeln die Verzweiflung. Diejenigen, die nicht mehr abgeschickt werden konnten und später im Trümmerschutt geborgen wurden, befinden sich heute im Archiv des Panorama-Museums von Wolgograd, wie die Stadt seit 1961 unverfänglich heißt. Den Briefen deutscher Landser gegenüber stehen die Protokolle sowjetischer Augenzeugen, die der Historiker Jochen Hellbeck in den russischen Archiven aufgespürt hat. Hellbeck hat daraus das aufwühlende Buch „Die Stalingrad-Protokolle“ zusammengestellt und den entsprechenden Beitrag zum Dresdner Katalogbuch geliefert.

Weil Stalingrad derart zum Begriff geworden ist, jedoch nicht erst im Rückblick, sondern bereits während des Geschehens, widmet sich das Dresdner Buch ausführlich der propagandistischen Verarbeitung der Schlacht. Im sowjetischen Film wurde der Sieg ausgiebig gefeiert, zumal bereits während der Kämpfe Filmaufnahmen zur späteren Verwendung in einem Film gedreht wurden. Auf deutscher Seite bestand Uneinigkeit, wie mit der Niederlage umzugehen sei. Aus Alexander Kluges „Chronik der Gefühle“ stammt ein kurzer Text, der dieses Dilemma einprägsam beleuchtet. Kluge lässt einen hohen Beamten aus Goebbels’ Ministerium sagen: „Uns ersetzt das Phänomen Stalingrad 60 bis 80 Ufa-Filme – was die Erschütterung betrifft.“

Diese Erschütterung hält an. Der Name Stalingrad ist zum Synonym geworden, nicht für einen vermeintlichen „Opfergang“ der 6. Armee und nicht einmal in erster Linie für den Heroismus der Sowjets. Er ist das Synonym für das Grauen des Krieges, dem keiner entkommt, Besiegte nicht und auch nicht die Sieger. Bernhard Schulz





– Gorch Pieken, Matthias Rogg, Jens Wehner (Hrsg.):
Stalingrad. Sandstein Verlag, Dresden 2012. 404 Seiten, im Museum 25 Euro. Ausstellung bis 30. April.

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